Trauerfeier für Günter von Drenkmann, der von der Bewegung 2. Juni ermordet wurde, am 21. November 1974 vor dem Rathaus Schöneberg. Foto: picture alliance / Chris Hoffman
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Am Rathaus Schöneberg 20.000 Menschen trauerten 1974 um Günter von Drenkmann

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Im November 1974 ehrten 20.000 Menschen Günter von Drenkmann am Rathaus Schöneberg. Terroristen hatten den Präsidenten des Berliner Kammergerichts erschossen.

Günter von Drenkmann war Kammergerichtspräsident in Berlin, als am 10. November 1974 Terroristen in sein Haus eindrangen. Drenkmann wurde durch eine Schusswaffe schwer verletzt und starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Der Bericht von der Trauerfeier war damals Aufmacher im Tagesspiegel; 20.000 Berliner waren zum John-F.-Kennedy-Platz vor dem Rathaus Schöneberg gekommen, dazu die Spitzenrepräsentanten der Bundesrepublik in Gestalt von Bundespräsident Walter Scheel, Bundesverfassungsgerichtspräsident Ernst Benda und dem damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz. Alle drei Trauerredner „setzten sich eindringlich für die Bewahrung der rechtsstaatlichen Ordnung vor jeder Art von Extremismus ein“, schrieb der Tagesspiegel. Der Wortlaut der Ansprachen am Rathaus Schöneberg wurde im Innenteil der Zeitung dokumentiert.

Extremismus – das Thema ist geblieben, auch wenn heute eher Rechtsextremismus und Islamismus das Land beschäftigen. Die Siebziger waren die Zeit des Linksterrorismus durch die Rote Armee Fraktion (RAF) und ihre Gesinnungsgenossen, zu denen auch die Bewegung 2. Juni gehörte.

Das Drenkmann-Attentat und die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz drei Tage vor der Abgeordnetenhauswahl 1975 blieben in Berlin die einzigen beiden Fälle des Linksterrorismus der damaligen Zeit. Peter Lorenz wurde nach fünf Tagen freigelassen; dafür entließ man auch fünf gefangene Terroristen. Die Lorenz-Entführung war damit der einzige Versuch der Bewegung 2. Juni, Strafgefangene für eine Geisel auszutauschen, der auch tatsächlich mit einem Austausch endete. Bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer 1977 in Köln verlangte die RAF die Freilassung von elf Gefangenen; der Staat ließ sich nicht darauf ein. Auch die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut nach Mogadischu änderte daran nichts. Die Spezialtruppe GSG 9 befreite die Geiseln; die RAF erschoss Schleyer.

Bewegung 2. Juni bekannte sich zur Tat, doch der Mord blieb ungesühnt

Das Verbrechen an Günter von Drenkmann blieb ungesühnt. Es gab zwar einen langwierigen Prozess, doch konnten Tat und Täter nicht zweifelsfrei zugeordnet werden, und so ergingen Freisprüche. Die Bewegung 2. Juni hatte sich zu der Tat bekannt. Sie bezeichnete sie als Aktion gegen einen Verantwortlichen für die Ermordung eines Genossen. Am Tag zuvor war RAF-Mitglied Holger Meins an den Folgen seines Hungerstreiks in der JVA Wittlich in der Eifel gestorben.

Seit 2008 erinnert in Westend eine Gedenktafel an Drenkmann; eine Straße in Berlin wurde bisher nicht nach ihm benannt. Zum 30. Todestag 2004 war dies diskutiert worden, ohne Ergebnis. Eine aktuelle Nachfrage bei der Justizverwaltung ergab, dass Sache und Person in Vergessenheit geraten sind. Dabei taugte Günter von Drenkmann gar nicht als Feindbild. Er galt als warmherzig und integer; als liberaler Sozialdemokrat hatte er sich den Nazis verweigert. Sein 64. Geburtstag fiel auf den 9. November. Einen Tag später war Günter von Drenkmann tot. Wiederum elf Tage später versammelten sich 20.000 Menschen zu seinen Ehren am Rathaus Schöneberg.

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