Ohne Termin tauchte Charles in „Moni’s Friseursalon“ auf. Doch sein Scheitel saß perfekt - wie der von Eberhard Diepgen. Foto: Peer Grimm/dpa
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Besuch im Berliner Plattenbau Wie es Prinz Charles nach Hellersdorf verschlug

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Auf ein Glas Sekt bei Familie Kunz: Im November 1995 besucht der britische Thronfolger einen Plattenbau im Osten Berlins. Eine Spurensuche.

Wir müssen uns Prinz Charles als einen Menschen vorstellen, auf den sich Sehnsüchte richten. Zumindest im Jahr 1995. Da war er zwar nicht mehr der begehrteste Junggeselle der Welt (wie vor Diana), sondern für viele nur noch ein Tropf (wegen Camilla). Doch Hellersdorf, wo er am 13. November 1995 zu einem Besuch erwartet wurde, konnte er immer noch in Wallung bringen.

„Das macht unsere Siedlung weltbekannt“, frohlockte Bürgermeister Bernd Mahlke von der SPD in der „Bild“. Einen Aufschwung erhoffte sich Parfümeriebesitzer Wolfgang Möller. „Ganz Hellersdorf hat auf ihn gewartet“, schwärmte die 14-jährige Mandy. „Früher wurden die Leute herbestellt, jetzt sind sie freiwillig begeistert“, befand der Verwaltungsangestellte Udo Leiendorf. Die „Berliner Zeitung“ schrieb von einem „Gekreische wie bei einem Take-That-Konzert".

Take That sind noch immer in Mode – und das gilt auch wieder royale Gäste im Berliner Osten. Prinz William und seine Ehefrau Kate besuchen diese Woche eine Kinder- und Jugendeinrichtung, gut fünf Kilometer Luftlinie von dem Ort entfernt, an dem Charles einst Aufsehen erregte. Der britische Thronfolger, ein leidenschaftlicher Kritiker moderner Architektur, schaute sich seinerzeit im Rahmen einer fünftägigen Deutschland-Reise die Plattenbauten rund um den Cecilienplatz an. Und das ist durchaus wörtlich gemeint: Charles besuchte eine Familie in deren Wohnung.

In der Ernst-Bloch-Straße 35 wollte er sich einen Eindruck davon verschaffen, wie es sich im sozialistischen Elf-Geschosser lebt. Die ungeschminkte Wahrheit bekam er nicht zu Gesicht, denn natürlich putzte sich das ganze Haus heraus. Die Wohnungsgesellschaft ließ ein neues Klingelschild anbringen, den Eingangsbereich neu tapezieren und den Fahrstuhl von innen streichen. „Ist ja wie bei Erich“, moserte ein Nachbar. „Boris Becker wär’ mir lieber.

Gleich mehrere Mieter kamen in die engere Auswahl. Erst einen Tag vor der Visite erfuhren Herbert und Eva-Maria Kunz, dass sie den Prinzen empfangen durften. Zum Kuchenbacken blieb nun keine Zeit mehr, eine Flasche Rotkäppchen (9,98 Mark, vermerkte die „Bild“) und Mon Chéri mussten genügen. Zum Glück hatte die Frau schon vorsorglich englische Vokabeln gebüffelt, die Aquarien geputzt und das Grün auf der Fensterbank mit Bier poliert. „Ich spreche oft mit meinen Fischen, so wie Charles mit seinen Pflanzen. Das macht ihn mir sympathisch“, verriet sie dem „Kurier“.

Prinz im Plattenbau. Charles begrüßt Eva-Maria Kunz und ihren Sohn Christian. Foto: Lutz Schmidt/AP
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Montagnachmittag um kurz nach drei klingelte es im achten Stock. Frau Kunz, frisch vom Friseur zurück, öffnete die Tür – und der künftige König von England stand vor ihr. Charles stellte sich höflich auf Deutsch vor, dann drang der ganze Tross in die Dreiraumwohnung ein. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) war dabei, Bausenator Wolfgang Nagel (SPD), ein Dolmetscher, Fotografen und das Fernsehen. Der siebenjährige Sohn Christian im weißen Hemd gab artig die Hand.

"Berlin at a glance": Sein Buchgeschenk lässt er liegen

Der Überlieferung nach bewunderte der Gast von der Insel die Wellensittiche „Putzi“ und „Bubi“, fragte nach hellhörigen Wänden und lobte das aufgeräumte Kinderzimmer. Auf dem Cord-Sofa stieß man anschließend auf Diepgen an, der an diesem Tag seinen 54. feierte. Nach einer Viertelstunde musste Charles weiter. Das Buchgeschenk von Familie Kunz ließ er liegen: „Berlin at a glance“. Völlig unangemeldet stellte er sich noch in „Moni’s Friseur- und Kosmetiksalon“ vor. Doch der Seitenscheitel saß auch ohne Hellersdorfer Unterstützung.

Sekt oder Saft? Keine Frage, was der britische Thronfolger sich von Herbert und Eva-Marie Kunz servieren lässt. Der kleine Christian ist skeptisch. Foto: Lutz Schmidt/dpa
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Warum es den Prinzen in den Osten verschlug, kann Karin Scheel erzählen. Die 53-Jährige leitet inzwischen die kommunale „Galerie M“ an der Marzahner Promenade. 1995 baute sie das Pendant im damals noch eigenständigen Bezirk Hellersdorf auf. In ihrer „Galerie HO“ fand Mitte Oktober ein Experiment statt. Der Londoner Architekt John Thompson und sein Team betrieben Stadtentwicklung von unten.

Mit vielen Dutzend Anwohnern entwickelten sie in einem fünftägigen „Community Planning Workshop“ eine ziemlich bunte Vision für den Cecilienplatz. Die Ideen reichten von Wintergärten über Terrassencafés bis zu einem Campanile als neuem Wahrzeichen. „Das waren ja goldene Zeiten“, sagt Scheel. Als sie im Abschlussbericht auf begrünte Dächer stößt, verdreht sie die Augen. In Marzahn hat sie deshalb heute feuchte Wände, wenn es feste regnet.

Wer Visionen hat, geht in die Galerie: Karin Scheel mit dem bunten Plan für den Cecilienplatz. Foto: Ingo Salmen
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„Eines Abends saßen wir zusammen“, erinnert sich Scheel, „und John Thompson erzählte, er würde die Ergebnisse gern seinem Freund zeigen.“ Sie hatten schon Wein getrunken, der Name Prinz Charles fiel. „Da haben wir erst mal gelacht.“ Wenige Tage später fand sich die Galeristin in Planungsrunden mit Bundesgrenzschutz und Fliegerstaffel wieder. „Ich hatte dann auch meine erste Begegnung mit Bombensuchhunden“, fällt ihr noch zum Morgen des 13. November ein.

Eberhard Diepgen kommt im Gedränge abhanden

Einige tausend Menschen empfingen Charles auf dem Cecilienplatz. Vom Fenster im ersten Stock beobachtete Scheel, wie Polizisten, Bodyguards und Adlaten den Prinzen durch die Menge schob. Auch in der Galerie standen sich die Leute auf den Füßen. Eberhard Diepgen, der die beiden eigentlich einander bekannt machen sollte, kam irgendwo im Gedränge abhanden. Charles ließ sich von dem Trubel nicht beirren. Er sei ernsthaft an den Planungsfragen interessiert gewesen, erinnert Scheel sich an ihren kurzen Rundgang durch die Ausstellung. Hängen geblieben ist jedoch vor allem, wie er ständig umringt war von Leuten, die etwas von ihm wollten. „Ich hab' nur gedacht: der arme Mann.“

Von den Blütenträumen, die Planer und Bürger zu Papier gebracht hatten, ist nicht viel übrig geblieben. Ein Turm steht bis heute nicht auf dem Cecilienplatz. Einige näher liegende Wünsche sind jedoch in Erfüllung gegangen. In den Straßen gilt Tempo 30, die Fassaden sind gedämmt, die Gebäude kommen etwas individueller daher, in der Gülzower Straße wurden sogar Häuser aufgestockt. Das Quartier hat sich ordentlich entwickelt, obwohl der Charles-Effekt ausblieb. Das „Neue Deutschland“, das wenige Jahre zuvor noch Seiten füllen konnte mit Besuchen von hohen Herrschaften beim Bürger, sah das schon damals ziemlich nüchtern: „Der Prinz kam, sah – und ging“.

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