Gestatten: Berlinchen. Foto: Jens Mühling
p

Besuch beim Namensvetterchen Berlinchen: Schaut auf dieses Dorf!

0 Kommentare

Neidisch sind sie nicht, die Berlinchener, 125 Kilometer im Nordwesten der Hauptstadt. Die Zugezogenen machen zwar Ärger und der Nahverkehr ist eine Katastrophe, aber der Flughafen funktioniert.

Wer von Berlin aus nordwestwärts nach Wittstock fährt und dann der Haßlower Chaussee Richtung Müritz folgt, vorbei an Maisfeldern, Windkrafträdern und Kiefernwäldern, der kommt kurz vor der brandenburgisch-mecklenburgischen Landesgrenze durch ein kleines Dorf. Es beginnt mit einer umzäunten Freilauffläche, auf der ein paar hundert Hühner picken, gefolgt von ein paar alten LPG-Hallen, hinter denen die ersten niedrigen Wohnhäuser auftauchen. Wo die Landstraße nach rechts abknickt, liegt ein kleiner Dorfplatz mit einer hell verputzten Kirche, daneben ein Weltkriegsdenkmal, etwas weiter ein Friedhof. Noch ein paar Dutzend Wohnhäuser, dann ist das Dorf auch schon wieder vorbei.

Auf den ersten Blick ist da wenig, woran das Auge hängenbleibt. Viele Dörfer in der Prignitz sehen so aus.

Wenn da nicht dieses Schild wäre:

Berlinchen
Stadt Wittstock/Dosse
Landkreis Ostprignitz-Ruppin

Neben dem Schild halten oft Autos an, sagen die Leute im Dorf. Die Fahrer steigen dann aus. Sehen sich grinsend um, als ob sie jemanden suchen, mit dem sie den Witz teilen können. Berlinchen. Mensch. Gibt’s doch nicht.

Dann zücken sie ihr Handy. Machen ein Foto. Schicken es den Freunden in Berlin. Guckt mal. Berlinchen. Mensch.

Es kommt vor, dass dann ein zweites Auto anhält, eins aus dem Dorf, Kennzeichen OPR für Ostprignitz-Ruppin, aus dessen Fahrerfenster sich bei laufendem Motor ein alter Mann mit Schirmmütze lehnt. Und eine Weile schweigend zusieht, wie da ein Ortsfremder das Schild ansieht. Und schließlich fragt: „Was gibt’s denn da?“

„Kenn ich ’ne Geschichte“

Na, das Schild, sagt der Fremde. Und deutet auf das Schild, als sei es dem Mann aus dem Dorf vielleicht noch nicht aufgefallen. Berlinchen. Mensch.

Der alte Mann guckt. Schweigt. Der Motor läuft.

„Kenn ich ’ne Geschichte“, sagt der Mann dann. Und schweigt noch mal kurz, bis er sicher ist, dass der Fremde ihm zuhört. „Wie ich bei der Armee war, wollt ich mal Urlaub anmelden. Schreib ich auf den Zettel: Berlinchen. Der Diensthabende guckt. Willst du mich verscheißern, fragt er, Berlinchen, das denkst du dir doch aus. Nee, sag ich, da komm ich her, und jetzt mach hinne, ich verpass den Zug.“

Schweigen. Motor läuft. Mensch aus Berlinchen und Mensch von woanders starren gemeinsam das Berlinchen-Schild an. Mensch.

„Na denn“, sagt der alte Mann, die Handbremse lösend. „Schönen Tag auch.“

Man schrieb das Jahr 1274, als ein mecklenburgischer Fürst dem niedersächsischen Kloster Amelungsborn ein Dorf namens „Minoris Berlin“ verkaufte, dessen Name im lateinischsprachigen Kaufvertrag zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Von „Lütten Berlin“, „Lütteken Berlin“, „Klein-Berlin“ und schließlich „Berlinchen“ ist in späteren Dokumenten die Rede.

Das andere, heute bekanntere Berlin ist nicht viel älter als sein brandenburgisches Namensvetterchen. Die Siedlung am Spreeufer wurde 1244 erstmals urkundlich erwähnt, nur 30 Jahre früher als Berlinchen.

Trotz des gemeinsamen Namens haben beide Orte im Grunde nichts miteinander zu tun. Klein-Berlin wurde nicht in Abgrenzung zu Spree-Berlin so genannt, sondern in Abgrenzung zu Groß-Berlin, einem Nachbardorf, das heute nicht mehr existiert. Mit Spree-Berlin teilt sich Berlinchen lediglich dieselbe slawische Wortwurzel, die ein sumpfiges Gebiet bezeichnet.

Berlinchen, das mag im Vergleich mit Berlin klein klingen. Aber es ist ja nichts Schlechtes, der kleinere Sumpf zu sein.

Zweimal verschwand das Dorf fast von der Landkarte: zum ersten Mal im Dreißigjährigen Krieg, den nur zwölf Einwohner überlebten, zum zweiten Mal bei einem Großbrand im Jahr 1848, den fast kein Haus überstand. Die Dorfkirche wurde in den Jahren nach dem Brand neu gebaut, rundherum gruppierten sich nach und nach jene knapp 100 Häuser, in denen heute knapp 200 Berlinchener leben.

Die Dorfbewohner heißen Berlinchener, nicht Berlinerchen. Wer sich hier Freunde machen will, sollte sich das merken.

Das Bürgermeisterchen. Ortsvorsteher Dieter Welchering betreibt die „Schmökerstuw“, eine Buchhandlung mit Café. Früher saß in dem Gebäude die Dorfkneipe „Unter den Linden“. Foto: Jens Mühling
p

Die Fremden, die mit dem Auto vor dem Ortsschild Halt machen, zücken manchmal nicht ihr Handy, sondern einen Schraubenzieher. Immer, wenn das passiert, muss Dieter Welchering die Stadtverwaltung in Wittstock anrufen und ein neues Schild anfordern. „Nee, oder?“, sagen die Wittstocker dann am Telefon. „Nicht schon wieder!“

Dieter Welchering ist so etwas wie das Regierende Bürgermeisterchen von Berlinchen. Als Ortsvorsteher kümmert er sich seit ein paar Jahren um die Belange des Dorfs. Der 60-Jährige, ein ruhiger, aber mit seinen eisblauen Augen und kantigen Kinnlinien eindringlich präsenter Typ, betreibt am Dorfplatz einen Buchladen mit angeschlossenem Café – das Dussmännchen und das Einsteinchen von Berlinchen, wenn man so will.

Früher saß in dem einstöckigen Backsteinbau die Dorfkneipe „Unter den Linden“. Die hieß nicht etwa so, um nach Berlin zu klingen, sondern weil das Haus von ein paar Linden überragt wird. Der Vorbesitzer hatte den Laden aufgegeben, er lief nicht mehr gut. Eine Zeit lang stand er leer, bis Welchering, der eigentlich aus dem Münsterland kommt, eines Tages zufällig daran vorbeifuhr. Er hatte ausgiebige Wanderjahre hinter sich, die ihn als Fernfahrer quer durch Europa geführt hatten, vorübergehend hatte er eine eigene Spedition mit sechs Lastwagen betrieben, die Hilfsgüter bis in den Nahen Osten transportierte, auch in Portugal hatte er eine Weile gelebt, wo er Porzellan aus Litauen importierte und nebenbei in den Handel mit antiquarischen Büchern einstieg. Der Liebe wegen wäre Welchering fast weiter nach Polen gezogen, blieb aber auf dem Weg dorthin im ländlichen Brandenburg hängen, mit ein paar tausend Büchern im Gepäck, für die er ein passendes Ladenlokal suchte. Als er die leer stehende Dorfkneipe unter den Linden sah, schlug er zu. Er baute den Festsaal zum Antiquariat um und machte aus der Schankstube ein Café. Das Ganze taufte er „Schmökerstuw“, was mehr nach Münsterland als nach Brandenburg klingt. So landete er in Berlinchen. Sechs Jahre ist das nun her.

„Dieter, hast du immer noch keine Bockwurst?“

Zum Amt des Ortsvorstehers sei er gekommen „wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt Welchering. Kurz nach seiner Ankunft ließ er sich überreden, für den dreiköpfigen Ortsbeirat zu kandidieren. Er wurde gewählt, wenn auch mit deutlich weniger Stimmen als die beiden anderen Mitglieder, die stärker im Dorf verwurzelt waren und das Gremium zunächst leiteten. Als beide aus privaten Gründen zurücktraten, rückte Welchering, der Zugezogene, unverhofft zum Ortsvorsteher auf.

Seitdem hört er geduldig zu, wenn sich der eine Dorfbewohner über den ungemähten Rasen des anderen beschwert oder über das Geäst, das der Nachbar durch den Gartenzaun wuchern lässt. Wenn der Wittstocker Bürgermeister mit seiner Entourage vorbeischaut, führt Welchering ihn durchs Dorf und meldet Wünsche an – wohl wissend, dass neben Berlinchen noch 17 andere Wittstocker Ortsteile um die Gunst des Stadtoberhaupts buhlen und der politische Einfluss eines Ortsvorstehers begrenzt ist.

„Dieter, hast du immer noch keine Bockwurst?“, fragen die Kunden in der Schmökerstuw manchmal grinsend. Welchering, der was gegen Massentierhaltung hat, schüttelt dann nur stumm den Kopf, ebenfalls grinsend. Bei ihm stehen andere Sachen auf der Karte, Pilze zum Beispiel um diese Jahreszeit, Pfifferlinge, Steinpilze, Krause Glucken, die er in den brandenburgischen Wäldern selbst sammelt. Seine Gäste wissen das eigentlich, aber das mit dem Dieter und der Bockwurst ist im Dorf eine Art Dauerwitz.

Wer ein paar Nachmittage in Welcherings Lokal verbringt, stellt irgendwann fest, dass hier selten Berlinchener auftauchen. Fast alle Gäste kommen von anderswo. Meist sind es Fahrradfahrer und andere Ausflügler, die auf dem Weg durch die Prignitz in der Schmökerstuw einkehren. Manchmal schauen Stammgäste aus den umliegenden Dörfern auf ein Flaschenbier vorbei, meist ledige Männer in den besten Jahren wie Welchering selbst. In den Orten, in denen sie leben, seien die Kneipen längst eingegangen, erzählen sie. Früher, als noch fast alle Einwohner eines Dorfs in derselben LPG arbeiteten, habe man nach Feierabend gemeinsam getrunken. Heute, wo alle zum Arbeiten anderswo hinführen, tränken die meisten lieber zu Hause – nicht nur, weil es die alte Dorfgemeinschaft nicht mehr gebe, sondern auch, weil es billiger sei.

Hinzu kommt, dass die ausgehfreudigste Altersgruppe schwach vertreten ist. „Die jungen Leute wandern ab“, sagt Welchering. „Die Generation zwischen 25 und 40 fehlt in Berlinchen komplett.“

Zur Startseite