Der Alexanderplatz im Jahr 1908. Das Polizeipräsidium hat seinen Beinahmen "Rote Burg" nicht ohne Grund. Foto: Wikipedia p

Berlins Zwanziger Jahre Eine Stadt sucht ihre Mörder

1 Kommentare

In Berlin werden viele Bluttaten nie aufgeklärt. Das soll sich jetzt ändern – mit der ersten Mordinspektion. Ein fiktiver Kommentar vom Sonnabend, dem 2. Januar 1926.

Anlässlich des Serienstarts von "Babylon Berlin" am 13. Oktober haben wir ein Gedankenexperiment gewagt und Artikel aus der damaligen Sicht verfasst. Dabei fiel uns auf: Viele Themen - Wohnungsnot, Ärger um den Flughafen, wilde Partynächte - stehen damals wie heute für Berlin.

Das Jahr beginnt vielversprechend: Gestern wurde eine Mordinspektion gegründet, die erste überhaupt im Deutschen Reich. Sie soll sich um die steigende Zahl der Menschen kümmern, die zuletzt durch fremde Hand aus dem Leben gerissen wurden. Als Leiter ernannte Polizeipräsident Albert Grzesinski den Kriminalpolizeirat Ernst Gennat.

Was haben sich die anderen Kommissare im Polizeipräsidium  in den vergangenen Jahren für Pannen geleistet! Wie viele Morde blieben ungesühnt! Aus Dilettantismus! Wir müssen keine fünf Jahre zurücksehen, um auf den schrecklichen Carl Großmann zu stoßen. Wäre er nicht auf frischer Tat von Gennat beim Morden ertappt worden, würden heute noch Frauen verschwinden und irgendwann in Teilen wieder am Engelbecken auftauchen.

Von 1918 bis 1921 wurden in der Gegend um den Schlesischen Bahnhof 23 zerstückelte Frauenleichen gefunden. Kein Polizist hat die Zusammenhänge damals gesehen. Mit jedem Fund stieg der Druck auf Magistrat und das Polizeipräsidium in der „Roten Burg“ am Alexanderplatz. Schupos trampelten ohne Ausbildung durch die Tatorte, vernichteten Spuren, erkannten mancherlei überhaupt nicht. Dann riefen sie einen Kriminalbeamten an, der oft erst nach Stunden kam.

Eine Anleitung für die Arbeit am Tatort

Dieser Dilettantismus soll ein Ende haben: „Am Tatort soll man nicht anfangen anzuordnen: Schon vorher Angeordnetes soll durchgeführt werden“, beschreibt Gennat die Arbeitsweise seiner „Inspektion M“. Die Tätigkeiten am Tatort sollen in sieben Schritten einem von Gennat bis ins Letzte durchdachten Plan folgen. Wichtig ist vor allem, dass immer eine Mordkommission im Dienst ist, also nicht mehr herbeitelefoniert werden muss.

Eine Stadt der Größe von Berlin benötigt eine moderne Polizei. Entwickelt wurde diese neue Struktur im Präsidium – dessen wichtigstes Teilstück nun die Mordinspektion ist – von Regierungsdirektor Bernhard Weiß, der seit dem 1. April vergangenen Jahres Leiter der Abteilung IV, also der Berliner Kriminalpolizei ist.

Gennat erfand den Begriff "Serienmörder"

Großmann nahm sich am 5. Juli 1922 in seiner Zelle selbst das Leben, vor dem Ende des Gerichtsprozesses. Drei Morde hatte er gestanden, so lässt sich also nur mutmaßen, dass er auch die anderen 20 Frauen tötete und zerstückelte, vielleicht sogar mehr. „Wer der Verhandlung gegen Großmann folgte, hatte den Eindruck, dass die zur Anklage stehenden drei Fällen nur ein Bruchteil der Lustmorde gewesen sind, deren sich Großmann tatsächlich schuldig gemacht hat“, schrieb die renommierte Zeitschrift für Sexualwissenschaft seinerzeit, kurz nach Großmanns Selbstmord. Und es war ja Gennat, dem die Wissenschaft der Kriminalistik den neuen Begriff „Serienmörder“ verdankt.

Kriminalpolizeirat Ernst Gennat hat bereits angekündigt, dass er mit der Gründung der Mordinspektion noch in diesem Jahr auch eine Zentralkartei einrichten wird. Ausgebildete Kriminalisten sollen sich alle Fälle von Mord und Totschlag ansehen und mögliche Verbindungen entdecken. Angekündigt hat Gennat auch das „Mordauto“. In dem Fahrzeug sollen alle Werkzeuge und Materialien untergebracht werden, die am Tatort benötigt werden. Es soll demnächst vorgestellt werden – und wird wohl schnell zum Einsatz kommen.

Zum Weiterlesen: Wohnungsnot in Groß-Berlin und das wilde Nachtleben. Weitere Artikel zum Thema "Zwanziger Jahre in Berlin" finden Sie hier.

Mehr zu Friedrichshain-Kreuzberg