Aktivisten vor dem Stadtschloss Foto: Nantke Garrtels
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Berliner Stadtschloss Aktivisten protestieren gegen Einheitswippe

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Unsere Autorin wundert sich über die Wippengegner am Stadtschloss. Eine Glosse.

An jedem Abend Schlag sieben stehen sie am Kupfergraben gegenüber der Stadtschlossbaustelle: Die Gegner der Einheitswippe auf dem Schloßplatz. Mindestens sieben Menschen demonstrieren hier und halten Schilder mit Aufschriften wie „Wir lassen uns nicht verschaukeln“ hoch, sieben Mal die Woche, 77 Mal bis zur Bundestagswahl.

Die Assoziation von den sieben Zwergen liegt nahe, auch weil das missionarisch-politikerfeindliche Auftreten der Gruppe von einem Ort hinter den sieben Bergen zu kommen scheint. Krude Theorien über ostdeutschen Kräuterschnaps und dessen Verbindung zur Wippe lassen aber eher an Aluhüte statt Zwergenmützen denken. Die Organisatorin und Vorsitzende des Vereins „Berliner Historische Mitte e. V.“, Annette Ahme, erklärt die Häufung der Zahl so: „Sieben ist ja auch eine Hexenzahl und wir hexen die Wippe einfach weg.“

Historisch interessierte Akademiker

Man ahnt, dass Einwände hier müßig sind. Zwar sind die meisten Teilnehmer hier historisch interessierte Akademiker, die meisten von ihnen pensioniert. Auch sind sie nicht komplett gegen die Wippe — nur eben auf dem historischen Schlossplatz soll sie nicht stehen, stattdessen lieber auf dem Rasenplatz vor dem Reichstag. Aber nun wird die Argumentation possierlich: Moderne Avantgardearchitektur stört historisches Stadtbild — geschenkt.

"Tage der offenen Baustelle" im künftigen Humboldt Forum im rekonstruierten Berliner Schloss Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Zu guter Letzt beginnen die Aktivisten, von gotischen Gewölben im denkmalgeschützten Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals zu schwärmen und die artengeschützten Zwergfledermäuse und Wasserfledermäuse als Argument ins Feld zu führen. Skateboarder könnten zu Tode kommen, wenn sie auf der Wippe ihre Tricks ausprobierten.

Artenschutz und architektonisch stimmige Stadtplanung in allen Ehren — aber es gibt wahrlich bessere Argumente gegen die Einheitswippe. Der Reichstag ist zwar jünger, aber auch nicht weniger historisch als das Stadtschloss; so wie dem Reichstag die Glaskuppel gut zu Gesicht steht, kann das Schloss ein modernes, interaktives Denkmal vor der Fassade als Bruch mit der wilhelminischen Wuchtigkeit gut vertragen. Denn bei so vielen kruden Argumenten könnte man sich fast selbst verschaukelt vorkommen.

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