Münchener Schule. Architektin Carolina Mojto, 38, hat den Ort wiederbelebt und viele Ideen. Berlin hat so seine Vorzüge im Vergleich zu Bayern, sagt sie.  Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Berliner StadtentwicklungEin Kunstprojekt soll Politiker, Investoren und Anwohner zusammenbringen

von Yasmin Polat0 Kommentare

Ideen in der Pferdebox: An einem markanten Friedrichshainer Ort finden Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Der Name: Box Freiraum. Dort dreht sich jetzt alles um moderne Städteentwicklung.

Vier Worte leuchten grell auf der Ziegelsteinfassade des Gebäudes in der Boxhagener Straße. „Dein Land existiert nicht“.

Dieser Ort in Friedrichshain ist einer mit Geschichte, wie so viele in Berlin: Vor vielen hundert Jahren waren hier mal die Stallungen von Otto Pohl, dem „Kutschenkönig von Berlin“. In der DDR-Zeit wurde die Fläche als Lager genutzt, dann kam ein Antiquitätenhändler rein. Und heute ist hier Carolina Mojto.

"Es war eben ein Pferdestall"

Die 38-jährige Architektin steht im Sommerkleid auf dem gerade frisch gelegten grünen Rasen und schaut sich die Neon-Buchstaben an der Backsteinwand an. 2008 ist Mojto aus München nach Berlin gezogen und betreibt seither den „Box Freiraum“, mittlerweile mit ihren Kollegen Leslie Taussig und Stephan Koal. Der Box Freiraum versteht sich als geistiger und künstlerischer Freiraum, darin werden Ausstellungen gezeigt, dort finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Mojto ist die Direktorin der Box, revitalisierte vor neun Jahren die Räumlichkeiten. „Am Anfang war hier gar nichts, keine Heizung oder Elektrik“, erinnert sich die Architektin, während sie sich umsieht. „Es war eben ein Pferdestall.“

Heute finden sich im Erdgeschoss und zweiten Stock Künstlerateliers, im ersten Stock ist die Galeriefläche. Insgesamt hat die Ausstellungsfläche 500 Quadratmeter, das Gelände noch mal gut doppelt so viel. Viel Fläche für Kunst, die genutzt werden kann.

Und um die Nutzung von Fläche – Stadtfläche genauer gesagt – soll es hier nun auch in den nächsten Wochen gehen. „Bis Mitte des Jahrhunderts werden 75 Prozent der Menschen in Städten leben“, sagt Mojto. Da sei es nur sinnvoll, darüber nachzudenken, wie diese Städte gestaltet werden sollen. Vom 21. Juni bis 29. Juli kommt die Ausstellung „Conflicts of An Urban Age“ in den Box Freiraum. Das Projekt stellt die Frage: Wie können wir alle im urbanen Zeitalter Stadtfläche bestmöglich und sozial nutzen?

Kulturecke. Vor vielen hundert Jahren waren hier in der Boxhagener Straße mal die Stallungen von Otto Pohl, dem „Kutschenkönig von Berlin“. Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Stadtentwicklung wird Kunst

Das Ausstellungsprojekt, initiiert von der Alfred Herrhausen Gesellschaft, dem unabhängigen Forum der Deutschen Bank und der London School of Economics, setzt sich dafür zum Thema Stadtentwicklung mit Metropolen weltweit auseinander. Letztes Jahr gab es die Ausstellung schon bei der Architekturbiennale in Venedig. Mojto und die Initiatoren überlegten, was daran für Berliner interessant sein könnte.

Jetzt hängen im ersten Stock des Backsteingebäudes in der Boxhagener Straße sieben Plexiglasscheiben, auf die mittels Beamer das jeweilige Städtewachstum von Karachi bis Hong Kong projiziert wird. An den Wänden sind große Info-Tafeln, die teils bemalt und vom Beamer mit interaktiven Grafiken der Weltmetropolen angestrahlt werden. Neu dabei: Berlin. Auf einer Tafel steht: Trotz erheblicher Investitionen in Zugänglichkeit, ökologische Nachhaltigkeit und physische Integration sind viele Bewohner aus dem Innenstadtbereich ins Umland umgezogen.

Erst der Input, dann das Gespräch

„Die Herausforderung hier sind klar die prozentual steigenden Mieten“, sagt Mojto. „Deswegen ist es genau jetzt wichtig, zu fragen: Wie schaffen wir all das Gute der Stadt zu erhalten und weiterzuentwickeln?“. Den Anfang dazu sollen fünf Stadtgespräche machen. Diese Stadtgespräche finden begleitend zur Ausstellung im ersten Stock im Nebenraum statt, jeden Mittwoch, zu verschiedenen urbanen Themen. Das erste Gespräch am 28. Juni beginnt mit einem 90-minütigen Vortrag des Journalisten und Architekturkritikers Niklas Maak zu Berlin als Umbruchstadt. Es folgen Vorträge und Gespräche mit beispielsweise Mazda Ali zu „Stress and the City. Warum Städte uns krank machen“ oder wie man Städte gemeinsam gestalten kann.

Danach soll sich immer unterhalten werden und zwar in jede Richtung: „Wir sprechen das lokale Publikum an, junge Leute aus Friedrichshain, aber auch Leute, die eher aus dem schickeren Westen kommen“, so Mojto. „Es soll auch darum gehen, Politiker und private Investoren zusammenzubringen, um zu Lösungen zu kommen.“ Soziale Durchmischung ist Mojto wichtig, im Gespräch kommt sie immer wieder darauf zurück. Durch gezielte, inklusive Stadtplanung könnte Problemen wie Ghettoisierung vorgebeugt werden, wie sie beispielsweise mit den Containerdörfern für Geflüchtete drohen. Mojto lebt selbst mit ihrer Familie in Mitte und findet: Man kommt am besten miteinander klar, wenn man zusammen wohnt.

Nicht jeder will in Mitte wohnen

Mit den Stadtgesprächen und darüber hinaus wünscht sich die Box-Freiraum-Initiatorin mehr nachbarschaftlichen Austausch. „Wir haben den ganzen Block hier eingeladen“, sagt sie. Überhaupt, ihr gefalle der Begriff „Gemeinschaft“ immer mehr, so Mojto. „Gemeinschaft im Kiez und in Europa.“ Und Berlin habe klare Vorteile gegenüber ihrer ehemaligen Heimat München: „Nämlich, dass es so viele Kieze gibt, in denen Leute sich zugehörig fühlen“, so Mojto. „Es will ja gar nicht jeder in Mitte wohnen.“

Ab dem 21. Juni können sich Interessierte die Ausstellung „Conflicts of An Urban Age“ von 14-18 Uhr kostenlos ansehen, die begleitenden Stadtgespräche ab dem 28. Juni sind ebenfalls kostenlos mit Anmeldung. BOX Freiraum, Boxhagener Straße 93, Friedrichshain. Mehr Infos unter: www.box-freiraum.berlin