Berlin bekommt seine Lehrer-Probleme nicht in den Griff. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
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Berliner Pädagogenmangel Jetzt lernen Nachwuchslehrer bei Anfängern

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Eine neue Facette des Lehrermangels in Berlin: Die ersten Seminare für Referendare werden jetzt von Berufseinsteigern geleitet.

Berlins Lehrermangel nimmt immer schwerwiegendere Ausmaße an: Nachdem die Anwerbung in anderen Bundesländern und in Österreich nicht genügend fruchtete und die massenhafte Beschäftigung von Quereinsteigern längst zur Normalität geworden ist, werden nun auch bei den Ausbildern der Lehrer Kompromisse eingegangen. Die Bildungsverwaltung teilte dem Tagesspiegel auf Anfrage mit, dass die Hürden für die sogenannten Fachseminarleiter inzwischen gesenkt wurden.

„In wenigen Ausnahmefällen wurden auch Lehrkräfte beauftragt, die aufgrund ihrer fachlichen Eignung weniger als zwei Jahre im Schuldienst tätig sind“, erläuterte Beate Stoffers, die Sprecherin von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die betreffe allerdings nur etwa zehn von derzeit über 700 Fachseminarleitungen.

Hunderte Quereinsteiger sitzen in den Seminaren

Schulen und Pädagogen sind über diese abermalige Absenkung der Ansprüche dennoch entsetzt. Denn die besagten Seminare sind eigentlich dazu da, bei den frischen Absolventen des Lehramtsstudiums die große Lücke zwischen Studium und Schulpraxis zu schließen. Zudem sitzen dort hunderte von beruflichen Quereinsteigern, die von Pädagogik, Lernprozessen und Didaktik noch nie etwas gehört haben. Die Folge ist, dass sich in den Seminaren immer mehr Teilnehmer einfinden, die von Schule und Unterricht nur wenig Ahnung haben. Sie sollen auch den Unterricht der Seminarleiter besuchen, um von ihnen möglichst viel zu lernen.

Erst im März hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) darauf hingewiesen, dass von über 1000 fertig ausgebildeten Lehramtsstudenten nur 550 das ihnen angebotene Referendariat antreten wollten: Der Rest muss über den Quereinstieg geholt werden. Auch für den Einstellungstermin im August gibt es zu wenig Bewerber: Die Verwaltung rechnet nur mit „rund 600 Einstellungen“, obwohl pro Halbjahr rund 1000 gebraucht werden.

In den Grundschulen ist der Mangel am größten

Besonders groß ist der Mangel bei den Grundschullehrern. Wie berichtet, wurden jahrelang zu wenig Studienplätze zur Verfügung gestellt, weil der Senat den Universitäten kaum Vorgaben gemacht und keine Zielgrößen genannt hatte. Eine Folge ist offenbar, dass es auch zu wenig Fachseminarleiter für Grundschulen gibt. Stoffers betonte allerdings, dass „Personen, die keinerlei Erfahrung im Grundschulbereich haben, auch nicht als Fachseminarleiter tätig werden können“.

Aber diese Vorgabe scheint nicht eingehalten zu werden. Nach Informationen des Tagesspiegels wurde eine junge Lehrerin als Fachseminarleiterin für Grundschulen verpflichtet, obwohl sie zuvor nur ein paar Monate lang als Aushilfslehrkraft an einer Grundschule gearbeitet und ihre Ausbildung dann an einer Sekundarschule absolviert hatte.

Früher wurden für Ausbilder fünf Jahre Berufserfahrung verlangt

"Das zeigt, wie groß die Not ist,“ kommentierte der GEW–Vorsitzende Tom Erdmann die Entwicklung. Er erinnert daran, dass vor Ausbruch des Lehrermangels noch eine fünfjährige Berufserfahrung von Fachseminarleitern verlangt wurde.

„Wenn diese Voraussetzung aufgrund von Personalnot Makulatur wird, dann setzt sich die seit Jahren um sich greifende Entqualifizierung des Lehrerberufes in Berlin fort – jetzt nur auf höherem Niveau“, kritisiert Berlins Lehrer des Jahres 2013, Robert Rauh, der selbst als Fachseminarleiter für Geschichte tätig ist. Ein Lehrer verfüge nach seinem Referendariat, das „aufgrund von Personalmangel“ gerade erst auf 18 Monate verkürzt wurde, nicht über ausreichend Unterrichtserfahrung. Kein Straßenbahnfahrer in Berlin, so Rauh, würde sofort nach seiner Ausbildung als Ausbilder eingesetzt: „Er muss Fahrpraxis nachweisen und zunächst alle Strecken gefahren sein“.

Attraktivere Bedingungen werden gefordert

Statt die Voraussetzungen für Fachseminarleiter zu senken, sollte der Senat die Attraktivität erhöhen, fordert Rauh. Im Vergleich zu anderen Ländern sei die Fachseminarleitung in Berlin keine Beförderungsstelle: „Es gibt zwar eine Stundenreduzierung, aber die geringe Aufwandsentschädigung von etwa 60 Euro und die Möglichkeit, jederzeit abberufen zu werden, lädt nicht dazu ein, erfahrene Lehrer für diese in der Lehrerausbildung so wichtige Aufgabe zu gewinnen“, resümiert Rauh. Auch Erdmann schlägt vor, die Bedingungen attraktiver zu machen, um mehr erfahrene Lehrer als Fachseminarleiter zu gewinnen.

Das allerdings wird wegen der Pensionierungswelle immer schwieriger. Und bei den Neueinstellungen im Grundschulbereich war zuletzt jeder dritte Lehrer ein Quereinsteiger. Um zumindest etwas gegenzusteuern, wurden 2016 Ex-DDR-Lehrer reaktiviert, die seit der Wende nur als Horterzieher gearbeitet hatten.

Auch beim Vertretungsunterricht wird improvisiert

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass es immer schwieriger wird, ausgebildete Kräfte für Vertretungsunterricht zu finden. Daher wird zunehmend auf Lehramtsstudenten zurückgegriffen. Es komme vor, dass Studierende schon während des Bachelorstudiums von Schulen für eine Unterrichtstätigkeit und „sogar als Klassenleiter eingestellt werden“, kritisieren Matthias Raudat und Johannes Hinkelammert vom Projekt „Rechenpaten“. Aus finanziellem Druck würden die Studenten darauf eingehen. Dies stelle aus universitärer Sicht, insbesondere der Erziehungswissenschaften, der Pädagogik und der Didaktik, eine Überforderung dar.

„Das System ist kaputt“, sagt Raudat. Er warnt davor, dass die jungen unerfahrenen Kräfte verschlissen werden und dann möglicherweise für den Beruf verloren sind. Ganz zu schweigen von den Risiken für die Schulklassen, die unter Umständen monatelang von kaum ausgebildeten Kräften unterrichtet werden, die sich weder mit Klassenraummanagment noch mit Rahmenplänen oder Zensurenvergabe auskennen.

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