Ein Loch ist am 07.11.2017 in Berlin im Bürgersteig an der Rungiusstraße 33 zu sehen. Dort waren «Stolpersteine» eingelassen, die von unbekannten Tätern entwendet wurden. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen. . Foto: Paul Zinken/dpa
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Berlin-Neukölln Stolperstein-Erfinder bestürzt über Diebstahl von Gedenktafeln

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Die Entwendung von mehreren Stolpersteinen in Berlin-Neukölln löst viel Kritik aus. Unterstützer der Aktion gegen das Vergessen von NS-Opfern rufen zu Spenden auf.

Schmierereien und Drohungen sind für die Initiativen in Berlin, die sich um die Verlegung von Stolpersteinen kümmern, nichts Neues. 17 solcher Vorfälle hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) seit 2015 in Berlin gezählt. Zweimal wurde auch ein Stolperstein aus dem Boden gerissen. Doch eine großflächige Aktion wie in diesen Tagen gab es noch nie: In der Nacht zum Montag wurden zwölf Steine des Künstlers Gunter Demnig in Neukölln herausgerissen und vier weitere gelockert. Und in der Folgenacht verschwanden wiederum drei Steine – und zwar laut Polizei an der Buschkrugallee und Bürgerstraße.

„Das ist schon sehr heftig“, ist Demnigs erste Reaktion dazu. Der 70-jährige Künstler verlegt seit über 20 Jahren die messingbedeckten Betonquader. Er lässt sie im Gehweg ein, vor den Türen der Häuser, aus denen Menschen in Lager und Gaskammern deportiert wurden, vor den Häusern derer, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten oder in den Selbstmord getrieben wurden. In mehr als zwanzig Ländern gibt es schon Stolpersteine gegen das Vergessen. „Bisher sind 600 herausgerissen worden“, sagt Demnig – von über 63.000. Meistens verlegt der Künstler die Steine selbst, allein über 7000 gibt es in Berlin. Auch die allererste Verlegung fand 1996 in Kreuzberg statt und wurde erst später legalisiert.

Der Großteil der ersten zwölf herausgerissenen Neuköllner Steine lag in der Hufeisensiedlung und erinnerte an Widerstandskämpfer in der Großsiedlung Britz. Die Anwohnerinitiative „Hufeisern gegen Rechts“ vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Vorfall und dem Jahrestag der Novemberpogrome von 1938. Auch die RIAS stuft die Entwendungen als antisemitisch ein, da die Stolpersteine entweder direkt an Juden erinnerten oder an Personen, die ihnen während der NS-Zeit halfen.

Spendenaufruf für neue Stolpersteine findet viel Zuspruch

Das Bezirksamt Neukölln ist über die Vorfälle erschüttert. „Wir werden alles daransetzen, die Stolpersteine umgehend zu erneuern“, sagt Kulturstadtrat Jan-Christopher Rämer. Die Taten würden das Gedenken an Menschen verunglimpfen, die schon einmal zum Opfer geworden sind. Ein Spendenaufruf der Berliner Koordinierungsstelle Stolpersteine wurde schon in den sozialen Medien geteilt. 120 Euro kostet es, einen Stolperstein herzustellen und verlegen zu lassen. Alles, was über Spenden nicht gedeckt werden kann, übernimmt der Bezirk. „Selbst wenn ich die Steine fünfmal zahlen muss“, sagt Rämer entschieden.

Gunter Demnig ist auch in diesen Tagen unterwegs und verlegt am Rhein entlang, in der Pfalz und im Saarland. Im letzten Jahr war er 270 Tage auf „Verlegungstour“. Die Wartelisten sind lang. In manchen Berliner Bezirken müssen Angehörige und Stifter Jahre warten, bis sich Zeit im dichten Plan findet.

Schändungen von Stolpersteinen ärgern Demnig, doch die Reaktionen darauf bestätigen sein Projekt: „In Greifswald wurden einmal alle elf in der Stadt verlegten Steine herausgerissen“, erzählt er. Danach flossen die Spenden. „Wir konnten 36 neue Steine verlegen. Also ging das nach hinten los.“ Die Messingplatten für die Ersatzsteine in Neukölln werden jetzt besser einbetoniert. Die Azubis des Lehrbauhofs Berlin arbeiten schon daran.

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