Die Yorckstraße in Berlin Kreuzberg. Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Berlin-Kreuzberg Yorck-Kino soll offenbar abgerissen werden

Sylvia Vogt Frank Bachner
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Dem Yorck-Kino in Kreuzberg droht laut einem RBB-Bericht möglicherweise der Abriss. Ein Investor plant demnach einen Neubau mit Wohnungen.

Christine Randow hat den Text auf dem Infoblatt extra mit einem Marker orange umrandet. „Tschick“, Informationen zu einem Kinofilm von Fatih Akin, eine Geschichte über zwei jugendliche Ausreißer, die in einem gestohlenen Auto quer durch den Osten Deutschlands fahren.

In diesen Film wird sie heute mit ihrer Klasse gehen, rund 20 Berufsschülern des Oberstufenzentrums Körperpflege in Charlottenburg-Wilmersdorf. Es ist Freitag, 11 Uhr, Christine Randow steht vor dem Yorck-Kino am Mehringdamm, und sagt: „Es ist schrecklich.“

Auch Riehmers Hofgarten ist betroffen

Schrecklich ist für sie die Nachricht, die sie morgens gehört hat. Das Gebäude, in dem das Yorck-Kino ist, soll abgerissen werden, und das zugegeben hässliche Gebäude unmittelbar daneben auch. Außerdem sollen das Hotel Riehmers Hofgarten in der Yorkstraße 83 und weitere Gewerbeeinheiten zu Wohnungen umgebaut werden. Das denkmalgeschützte Ensemble Riehmers Hofgarten ist betroffen.

Schrecklich wäre ein Abriss für die Pädagogin Randow, weil sie oft ins Yorck-Kino kommt, weil dort Filme laufen, die sie für ihren Unterricht benötigt, weil sie dort Stoff zum Thema Migration zum Beispiel erhält. „Tschick“ ist Teil des Sozialkunde-Unterrichts.
Aber ganz wegfallen soll das Kino nach den Plänen des Investors nicht. In einem Neubau soll es neben einer Tiefgarage auch Platz für das Kino im Erdgeschoss geben. Im Moment sieht der Aluminium- und Glaskasten zwischen den herrlichen Fassaden der alten Häuser aus wie „ein Raumschiff, das zufällig an diesem Platz gelandet ist“. So beschreibt es ein älterer Mann, der auch hier steht.

Aber es geht ja nicht bloß um Optik. Es geht auch um ein Lebensgefühl, es geht um Rendite, um die Frage, was darf, was soll verändert werden. Dieser Teil des Gesamtensembles gehört einem türkischen Investor. Der Rest ist unter zwei anderen Eigentümern aufgeteilt.

Kinogruppe: "Konstruktive Gespräche mit dem Vermieter"

Die Pressestelle der Yorck-Kinogruppe äußerte sich am Freitag zurückhaltend. „Wir sind mit den Vermietern in konstruktiven Gesprächen, um den Kinostandort langfristig zu erhalten.“

Noch ist gar nichts passiert, und es wird auch noch eine Zeit dauern, bis klar ist, ob hier wirklich die Baukräne anrücken. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hatte die Pläne abgelehnt, daraufhin legte der Bauherr Ende März Widerspruch ein, teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit. Jetzt müsse die Bauaufsichtsbehörde prüfen, ob der Investor seine Pläne komplett, teilweise oder gar nicht umsetzen darf, sagte eine Sprecherin von Senatorin Katrin Lompscher (Linkspartei).

Als Privatperson hat Lompscher ihre Präferenz mitgeteilt. Sie sei „privat gerne dort“, und sie wünsche sich „dass das Yorck-Kino bleibt und Riehmers Hofgärten als solche erkennbar bleiben“, sagte sie dem RBB. Reiner Wild, Vorsitzender des Berliner Mietervereins, sagte: „Das Kino ist eine Institution und ein Kieztreffpunkt. Es ist ein Problem, wenn das dem schnöden Mammon geopfert wird.“

Eine Kiezkultur prägt Riehmers Hofgarten zweifellos. Zwischen 1881 und 1899 wurde das Ensemble von Baumeister Wilhelm Ferdinand August Riehmer angelegt. Die Häuser im neobarocken Stil und die Wohnungen wurden großzügiger geplant als üblich, als Mieter sollten Angehörige des Bürgertums einziehen. Fast 20 Häuser mit rund 300 Wohnungen liegen um den Hofgarten, eine Idylle mit großer Grünfläche. In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Anlage renoviert und die Wohnungen modernisiert.

Es gab schon früher Abrisspläne

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Unruhe unter den Mietern. Riehmers Hofgarten hatte mehrfach die Eigentümer gewechselt, einer von ihnen hatte Luxussanierungen angekündigt. Das stieß auf Gegenwehr des Bezirks. Versuche der Mieter, eine Genossenschaft zu gründen und ihre Häuser selber zu erwerben, sind gescheitert. Vor rund 20 Jahren schon sollte in der Hofmitte, auf dem bisherigen Spielplatz, ein Wohnhaus entstehen. Dagegen wehrten sich Mieter massiv.Auch das Yorck-Kino sollte damals abgerissen werden, diese Pläne wurden dann aber zurückgezogen. Das Kino gehört zur Yorck-Gruppe, die insgesamt zwölf Kinos in Berlin betreibt.

Zu der Schülergruppe, die am Freitag vor dem Kino steht, gehört auch Virginia, 20 Jahre alt, Sonnenbrille in den langen Haaren. Sie war zwar noch nie in diesem Kino, aber einen Abriss lehnt sie trotzdem ab. Die Schülerin deutet auf die Hauswand, dann sagt sie: „Das hier ist von außen sehr schön klassisch.“ So sollte es auch bleiben.

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