Von der Siegessäule bis in die Unendlichkeit. Die Collage zeigt die Bewegung des Berliner Verkehrs. Foto: Natascha Küderlip

Berlin in Bewegung Die Schönheit des Feierabendverkehrs

Felix Keßler
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Mit Foto-Collagen und einem Film dokumentiert die Schweizerin Natascha Küderli, die Lichter und Farben des Berliner Verkehrs. Nun gibt es auch einen Film.

Manchmal sieht Natascha Küderli alles doppelt – und das ist völlig in Ordnung. Die Lichter und Farben des Berliner Verkehrs haben es der Schweizerin angetan. Das Gelb der U-Bahn neben dem Rot des Regionalexpresses über dem Schwarz des Asphalts unter dem Glänzen des Autolacks.

Küderli hält all das mit der Kamera fest, entwickelt die Bilder, nur um sie wenig später mit größter Präzision zu zerschneiden und dann übereinanderzulegen, doppelt bis dutzendfach. Küderli, in Zürich geboren, produziert Collagen, die Berlin in Bewegung zeigen. Jede Art der Mobilität wird von ihr erfasst und später neu arrangiert.

Fußgänger, Radfahrer, Autos, Lastwagen, Fernzüge, Flugzeuge und Spreedampfer: Wenn die Wahl-Münchnerin sich an den Zuschnitt macht, fließt alles ineinander. „Im Prinzip erzähle ich mit den Collagen Kurzgeschichten“, sagt Küderli. Die hat sie nun auch in einem Film mit dem Titel „Berlin – layers of movement“ festgehalten, der am Dienstagabend im Kino Babylon erstmals gezeigt werden sollte. Auch hier überlagern sich die Bilder. Das ist einerseits spannend, kann auf Dauer aber auch anstrengend sein. Die Farben, Lichter und Eindrücke prasseln nur so auf den Zuschauer ein. Wie bei einer nächtlichen Fahrt durch einen belebten Kiez droht Reizüberflutung.

Wie im OP-Saal zerschneidet Küderli die Arterien der Stadt

„Ich will damit die Seele der Stadt erfassen“, sagt die 47-Jährige, die in Erfurt und Amsterdam Architektur studiert hat. Wie nimmt sie, die regelmäßig Berlin besucht, die Hauptstadtseele wahr? „Berlin ist eine tapfere Stadt, die in der Vergangenheit vieles durchmachen musste. Die klaffende Wunde, die die Mauer hinterlassen hat, verheilt – aber nur langsam“, beschreibt Küderli ihre Eindrücke. Sie sucht die Orte, an denen alles zusammenläuft und sich überlagert. „Die Architektur ist der Körper einer Stadt. Und der Verkehr ist das Blut in den Venen und Arterien, auf den Straßen und Schienen.“ Im Atelier wird Natascha Küderli zur Ärztin, zerschneidet wie im Operationssaal die Gefäße mit einem Skalpell, verbindet Nervenenden neu.

Auf die verschiedenen Arten der Fortbewegung kam sie vor zwölf Jahren durch Zufall, nach Einladung zu einer Rundfahrt auf einem Spreedampfer. Berlin hatte sie da schon etliche Male besucht. „Eigentlich mache ich solche Touristensachen nicht“, sagt Küderli, „aber diese Bootsfahrt hat mir die Augen geöffnet.“ Der Kunstszene offenbar weniger – Anerkennung für ihre Bildkunstwerke gab es lange Zeit kaum – und wenn, dann kam sie von außerhalb. „Bei den Filmaufnahmen aus den Fahrerkabinen der U-Bahn und an den Bahnhöfen war die BVG sehr hilfsbereit“, erzählt Natascha Küderli.

Verkehrsknotenpunkte, die andere meiden würden, ziehen die Künstlerin an

Auch wenn es Küderli für die Aufnahmen immer wieder an jene Knotenpunkte des Stadtverkehrs zieht, um die andere Menschen in der Regel lieber einen großen Bogen machen, den Bahnhof Friedrichstraße etwa oder die Stadtautobahn, auf Höhe der Avus: Der Trubel, der Stress und die Rastlosigkeit der Hauptstadt sind jahrelang an ihr abgeprallt.

Doch seit einiger Zeit stellt sie eine Veränderung in der eigenen Wahrnehmung fest. „Das, was ich früher cool fand, finde ich jetzt anstrengend“, sagt Küderli und meint damit überfüllte Waggons, das Gedränge am Bahnsteig. Sie befürchtet, dass die Stimmung in der Stadt durch die seit Jahren steigende Zahl der Einwohner und Touristen irgendwann in Aggression umschlagen könnte. „Die Berliner Schnauze finde ich eigentlich sympathisch, solange sie nicht in Respektlosigkeit umschlägt“, sagt Küderli. Dass das Fortkommen in Berlin bisweilen anstrengend ist, dürften viele Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, U- und S-Bahn-Passagiere ähnlich sehen.

In den Collagen verschwimmen die Grenzen zwischen Untergrund und Himmel

Was ihre Aufnahmen auch zeigen: Die verschiedenen Ebenen, auf die sich der Verkehr heute verteilt – von der U-Bahn bis hoch zum Flieger am Berliner Himmel. Es scheint fast, als sei Ordnung eingekehrt – zumindest im Vergleich zu den Wuselbildern, die etwa der Potsdamer Platz oder der Alexanderplatz um 1930 noch hergaben. Neue U-Bahn-Linien entstehen, mancherorts ist die Straßenbahn dem Autoverkehr gewichen. Auch der Puls der Stadt ändert sich damit.

Natascha Küderli will weiterhin die Berliner Verkehrsströme beobachten und festhalten, sich aber nicht darauf beschränken. In Sydney und Teheran hat sie schon fotografiert, auch München interessiert sie. Und bei Bild und Film soll es nicht bleiben: Aktuell arbeitet sie an dem Buch „The Soul of a City“. Darin geht es wieder um die Stadtseele, in Berlin und anderswo.

Natascha Küderlis Film „Berlin – layers of movement“ und die Collagen sind bis 13. Oktober im Kulturzentrum Alte Feuerwache, Marchlewskistraße 6, zu sehen. Di-Do 11-19 Uhr, Fr-So 12-20, Eintritt frei.

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