Besuch bei der Stasi. Während seines Berlin-Besuch tätschelte Schriftsteller John le Carré auch diese Marx-Büste in der einstigen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit. Foto: John Steer/Stasimuseum
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Berlin - Hauptstadt der Geheimdienste John le Carré auf der Spur der Berliner Spione

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Der Bestseller-Autor kehrt in seinem neuen Roman ins Berlin des Kalten Krieges zurück und hat viel recherchiert – auch über ein konspiratives Haus in Charlottenburg.

Ein Geheimdienst ist gut beraten, sich bei der Wahl konspirativer Wohnungen auch davon leiten zu lassen, dass sie im Falle von Enttarnung oder feindlicher Attacke mehrfache Rückzugsmöglichkeiten bieten. Zum Beispiel in einem Gebäude wie diesem: „Berlins Sicheres Haus K2 befindet sich in der Fasanenstraße 28, ein imposantes Gebäude, das, so merkwürdig es klingt, die Bombenangriffe der Alliierten überstanden hat. Erbaut im Stil des Biedermeier, weist es ein von Säulen flankiertes Portal auf, Erkerfenster und einen Hinterausgang auf die Uhlandstraße. Wer immer das Haus ausgewählt hat, beweist einen Geschmack für kaiserliche Nostalgie und ein gutes operatives Auge.“

Die Scheinwelt des Kalten Krieges wird beschworen

Das liest sich wie aus einem Reiseführer für Agenten, entstammt aber dem neuen Thriller von John le Carré, „Das Vermächtnis der Spione“. Ein Roman, der den in seinem ersten Welterfolg „Der Spion, der aus der Kälte kam“ geknüpften Faden in die Gegenwart fortspinnt und zugleich in die Vergangenheit zurückverfolgt.. Fasanenstraße 28 in Charlottenburg, das ist die Adresse, an der sich MI6-Agent Alec Leamas, der von seinen eigenen Leuten getäuschte, zuletzt an der Mauer verblutende Held des Romans von 1963, mit seinem Informanten, dem Ost-Berliner Arzt Karl Riemeck, trifft – in einer Szene also, die noch vor dem Mauerbau und vor der Handlung des „Spions, der aus der Kälte kam“ spielt. Die setzte damit ein, dass Riemeck, letzter Überlebender des von Leamas geknüpften Agentennetzes, beim Fluchtversuch an einem Sektorenübergang erschossen wird. Zugegeben, ein etwas verwirrendes Gespinst von Handlungssträngen, zwei Romanen, die die Scheinwelt des Kalten Krieges beschwören, aber wohl angemessen.

Mit Fluchtweg. In der Fasanenstraße 28 befand sich in den 1950er Jahren ein getarntes Büro für britische Agenten, die die DDR ausspionierten. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Zurück in die Fasanenstraße: John le Carré hat das 1889/99 gebaute, denkmalgeschützte Haus mit seiner zur Uhlandstraße führenden „Fasanen-Passage“ gezielt ausgewählt. Denn dort befand sich in den in den späten fünfziger Jahren tatsächlich ein „getarntes Büro für Agenten des Secret Service, die in der DDR tätig waren“, und das einem „Mr. Rassel alias Raeder“ unterstanden haben soll – jedenfalls glaubte das die Stasi, in deren Akten, versammelt im Archiv des Büros des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, sich wiederholt solche Hinweise auf das Haus samt alter Fotos finden.

Schon in dem Roman von 1963 tauchte eine Sichere Wohnung auf, in der Albrecht-Dürer-Straße 28a, „gleich neben dem Museum“. Auch diese Adresse gibt es, allerdings in Mahlsdorf, was sie als Rückzugsort des MI6 ausschloss. John Le Carré ist mit Fragen der Topografie damals noch recht frei umgegangen, hatte kaum heutige Möglichkeiten zur Hand, seine erfundene Geschichte zu verorten, sie in den nachprüfbaren Details so glaubwürdig wie möglich zu gestalten.

Helferin Anke Ertner durchwühlt für den Roman Stasi-Akten

Diesmal hatte er Helfer, denen er am Ende des Buches dankt. Eine war Anke Ertner, in Prenzlauer Berg lebende Produzentin und Regisseurin von Dokumentarfilmen, insofern präzise Recherche gewohnt. Wenngleich das Durchwühlen der Stasi-Akten eine besondere Herausforderung war, allein schon wegen der Außenstehenden kaum verständlichen, nur schwer ins Englische zu übersetzenden Stasi-Sprache. Wer vermutet schon hinter der Formulierung „operativ bearbeiten“ Tätigkeiten wie ausspähen, verhören und ähnliches?

Zwischen 10.000 und 15.000 Seiten dürfte sie durchgeblättert haben, erzählt Anke Ertner. Die Suche nach einer möglichen konspirativen Wohnung war nur eine der zu lösenden Aufgaben. John le Carré, selbst ehemaliger britischer Spion in Berlin, habe natürlich gewusst, dass es solche Orte gab, und nun für die Szene einen möglichen Ort gesucht. Bei ihrer Recherche sei sie auf mehrere gestoßen, die über die Jahre wiederholt in den Stasi-Akten genannt wurden, bei denen man also recht sicher sein konnte, dass sie tatsächlich vom West-Geheimdienst genutzt wurden. John le Carré habe dann das Haus ausgewählt, das am besten zu beschreiben war. Eine Bestätigung des MI6, dass er tatsächlich dort Ost-Agenten getroffen habe – nein, die gebe es natürlich nicht.

Viele genau recherchierte Details schmücken die Story

Eine erste reale Spur also in der fiktiven Story. Man findet noch zahlreiche solcher genau recherchierten Details, anders als in dem großartigen Roman von 1963, der hier meist im Vagen blieb. Schon der Übergang, an dem Agent Riemeck erschossen wird, ist nur zu vermuten. Die Amerikaner haben dort das Sagen, es könnte die Heinrich-Heine-Straße gemeint gewesen sein. Kaum nachzuvollziehen ist auch gegen Ende des Romans der Fluchtweg von Alec Leamas und seiner Geliebten Liz Gold durch Ost-Berlin. Erst erblickt er zur Linken „in nur hundert Meter Entfernung die gedrungene Silhouette des Brandenburger Tores“, meint später auf der Fahrt zur Mauer die Leninallee, die heutige Landesberger Allee, zu überqueren, bekommt auf seine Fragen von dem ihn führenden Agenten nur ausweichende Antworten: „Greifswalder Straße, in Richtung Norden. Wir sind jetzt nördlich der Bernauer Straße.“ „Pankow?“ „So ungefähr.“

Tanz der Agenten im Deutschen Spionagemuseum am Leipziger Platz. Berlins Ruf als Hauptstadt der Spione pflegt auch dieses Museum. Besucher können sich dort unter anderem an einem Laser-Hindernisparcours ausprobieren. Foto: picture alliance / Gregor Fische
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Aber er ist ja auch nur ein Bauernopfer, ein in Berlin gescheiterter, danach scheinbar geschasster Agent, rasch heruntergekommen, in Wahrheit jedoch ein Lockvogel für die Stasi, um als vermeintlicher Überläufer seinen DDR-Gegenspieler Hans-Dieter Mundt als Doppelagenten zu diskreditieren. Dass Mundt dies tatsächlich ist, die Operation nur dazu diente, dessen Widersacher in der Stasi auszuschalten, erkennt Leamas, in der Verfilmung von 1965 eindrucksvoll dargestellt von Richard Burton, zu spät. Da hat er nur noch kurze Zeit zu leben.
Eine bedauerliche Panne? Oder doch ein moralisch verwerfliches, juristisch einklagbares Fehlverhalten des britischen Geheimdienstes? Die Kinder von Alec, Liz und auch der ebenfalls dem Kalten Krieg zum Opfer gefallenen Doris Gamp, Assistentin eines hohen-Stasi-Offiziers und unter dem Decknamen „Tulip“ Zuträgerin Karl Riemecks, sind dieser Meinung, wollen die alten Geschichten, dieses „Vermächtnis der Spione“, vor Parlament und Justiz zerren – Auslöser der Handlung des neuen Romans.

In ihm steht Peter Guillam im Mittelpunkt, einst Mitarbeiter von Alec Leamas, der nun vor Mitarbeitern des modernen MI6 Rechenschaft ablegen soll über die beiden so kläglich gescheiterten Operationen „Mayflower“ und „Windfall“. Der noch einmal die Vergangenheit heraufbeschwören muss, um nicht selbst zum Opfer zu werden: die Anbahnung des Kontakts zu den späteren Agenten Riemeck und Doris Gamp, Assistentin eines Stasi-Offiziers und unter dem Decknamen „Tulip“ Zuträgerin Karl Riemecks, sein gelungener Versuch, die Frau nach deren Aufdeckung über Prag auszuschleusen, die dann in einem Camp des Geheimdienstes in England ermordet wird – von Stasi-Mann Hans-Dieter Mundt, der gefangen genommen und zur Arbeit als Doppelagent gezwungen wird.

Ein Location Scout kundschaftete die Fluchtroute über Prag aus

Das ist alles mit den von John le Carré gewohnten Hochspannungsbögen erzählt, bei stetem Orts- und Perspektivenwechsel: Bretagne, London, Berlin, die Flucht aus der DDR auf der historisch wahrscheinlichsten, für den Roman durch den Berliner Location Scout Jürgen Schwämmle ausgekundschafteten Route, Prag, das MI6-Anwesen bei Salisbury, ein Hin und Her zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sogar George Smiley, der ehemalige Chef von Alec Leamas und Peter Gilliam, hat seinen wohl letzten Auftritt in einem Roman John le Carrés.

Besonders reizvoll wird all dies aber durch die genauen Recherchen, die in den Roman eingeflossen sind, die Bodenhaftung, die die verwinkelte Geschichte aus dem Kalten Krieg dadurch gewinnt. Der peinliche Fehler in seinem Erfolgsroman „Dame, König, As, Spion“ von 1974 sollte John le Carré nicht noch einmal unterlaufen. Er hatte, gestützt auf einen veralteten Reiseführer, einen Agenten mit der Fähre über eine Meerenge bei Hongkong fliehen lassen, obwohl es mittlerweile einen Tunnel gab. Als er diesen dann selbst sah, war es zu spät: Der Druck des Romans ließ sich nicht mehr stoppen. Damals, so bekannte John le Carré in seinem autobiografischen Werk „Der Taubentunnel“, habe er sich geschworen. „nie wieder eine Szene an einem Ort spielen zu lassen, an dem ich nicht selbst gewesen war“.
Dennoch bleibt jetzt rätselhaft, wo genau in Ost-Berlin Alec Leamas nach der Vorstellung John le Carrés begraben liegen soll. „Nicht weit von der Stelle, wo er ums Leben kam“, schreibt George Smiley an Gilliam, nennt „die Anschrift eines kleinen Friedhofs im Berliner Stadtteil Friedrichshain, offiziell gewidmet den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“. Aber welcher sollte das sein? Der Georgen-Parochial-Friedhof IV an der Mainzer Straße? Der Friedhof der Märzgefallenen im Volkspark Friedrichshain? Auch Anke Ertner weiß nicht zu sagen, welcher Ort für Leamas’ letzte Ruhestätte Pate stand.

John le Carré besuchte im Januar 2017 für drei Tage Berlin

Bei anderen Orten weiß sie es genau, ist schließlich die für die Handlung relevanten Orte mit John le Carré abgefahren, als der im Januar 2017 für drei Tage nach Berlin reiste. Was er dabei zu sehen bekam, mag im Buch nicht immer fotografisch genau wie die Fasanenstraße 28 widergespiegelt sein, prägt aber doch seine Atmosphäre. So hat Riemeck als Arzt wohl „Zugang zum ,Städtchen’, dem Majakowskiring in Ostberlin, in dem ein Großteil der Elite des Landes wohnt“. Aber es war klar, dass seine Zuträgerin „Tulip“, obwohl Assistentin eines hohen Stasi-Genossen, selbst nicht dort wohnen konnte, dazu war ihr im Außenministerium tätiger Ehemann ein zu kleines Licht. Aber in der „geschützten Siedlung in Hohenschönhausen“ schon, die es in der Oberseestraße tatsächlich gab, und zuvor in den Neubauten an der Stalinallee, von wo sie „nur zehn Minuten mit dem Fahrrad bis zum Stasi-Hauptquartier in der Magdalenenstraße gebraucht habe“. Von John le Carré sei sogar dieses Detail überprüft worden, erzählt seine Rechercheurin, die eher durch Zufall, dank der Empfehlung einer ehemaligen Kollegin in einer New Yorker Produktionsfirma, Kontakt zu dem Autor erhielt – und sich ungeahnt selbst durch die gründliche Vorarbeit zu ihrem Film „Generation ’89“ empfohlen hatte.

Agentin "Tulip" arbeitet im Gebäude 3 des MfS

Besonders wichtig bei der Stadterkundung aber war der Ort, um den sich die ganze Geschichte letztlich dreht: das Ministerium für Staatssicherheit in der Normannenstraße in Lichtenberg – oder in der Magdalenenstraße, wie es bei John le Carré heißt. Schließlich arbeitet Agentin „Tulip“ in dem an die Magdalenenstraße grenzenden Gebäude Nr. 3, besitzt zudem „einen Passierschein, der ihr erlaube, sich frei zwischen den Häusern 1 und 3 auf dem Gelände des MfS zu bewegen“. Haus 1, dort saß die Leitung des Ministeriums, mit Erich Mielke an der Spitze. In Haus 3 dagegen war der „Zentrale Operativstab“ untergebracht, wie Jörg Drieselmann weiß, selbst Bürgerrechtler, Stasi-Verfolgter und nun Geschäftsführer des Trägervereins für das in Haus 1 eingerichtete Stasi-Museum.

Drieselmann ist ein Bewunderer der Romane John le Carrés, preist dessen Sachkenntnis, man merke eben, das sei ein Mann vom Fach. Im Detail habe man ihn freilich mitunter korrigieren müssen. Und wenngleich das Ministerium zwar ein entscheidender Ort für die Story, aber kein detailliert beschriebener Handlungsort ist – es gebe doch das „Hintergrundgeräusch“ ab, sei mit seinem Flair wichtig fürs Schreiben gewesen. Allein schon mal den Marx-Kopf im Treppenhaus tätscheln können, ein von Erich Honecker überreichtes Präsent des Zentralkomitees der SED zu Erich Mielkes 70. Geburtstag!

Und John Le Carré verdankt dem Museumsbesuch auch genaue Kenntnis über das simple, gleichwohl ausgeklügelte Sicherheitssystem der Stasi: die Petschaft. Das waren in der DDR-Münze am Molkenmarkt geprägte,nummerierte und ihren Trägern zugewiesene Aluscheiben, ähnlich einem Dienstsiegel. Gegenstück war ein kleiner Klumpen einer wachsähnlichen Masse, beim Verlassen eines Raums anzubringen an Safe- und Zimmertür. Selbst an Erich Mielkes Tresor finden sich noch Spuren der grauen Masse.
Im Buch ist das Verfahren genau beschrieben: „Werde der Safe geschlossen, drücke der rechtmäßige Besitzer mit dem von der Stasi ausgegebenen Schlüssel samt daran befestigter Petschaft, den er ständig bei sich zu führen habe, sein eigenes Siegel in das Wachs.“ Auf Wunsch könnte John le Carré es jederzeit vorführen und sogar selbst, zum Schutz ungedruckter Manuskripte, anwenden: Beim Abschied im Stasi-Museum , diesem „dunklen Reich“, hatte er selbst „das Geschenk meiner ganz persönlichen Petschaft erhalten“. Mielke wäre fassungslos.

Der Roman: John le Carré: Das Vermächtnis der Spione. Ullstein, 320 Seiten, 24 Euro

Eine spannend geschriebene, umfassende Darstellung der Spionagegeschichte Berlins haben die Berliner Autoren Bernd von Kostka und Sven Felix Kellerhoff veröffentlicht:

"Hauptstadt der Spione". Berlin Story Verlag, 19,95 Euro

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