Es war einmal ein Parkhaus. Nicht mal 20 Jahre alt wurde der von Stararchitekt Renzo Piano entworfene Bau am Gleisdreieck. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg Wohnhaus statt Parkhaus am Gleisdreieck

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Rund ums Gleisdreieck verändert sich Berlin gerade rasant. Unter der Abrissbirne fallen sogar Neubauten.

Oben rattert die U2 Richtung Stadtmitte. Unten zeichnet der orangerote Ball einen perfekten Bogen und landet unter dem lässigen Fingerzeig des Werfers im Basketball-Korb. Um die Ecke, wo der Park sich nach Osten ausdehnt, stehen Passanten in Trauben und staunen über die Sprünge junger Männer auf kleinen Rädern. Nebenan erobert eine große Gruppe die letzte Lücke auf dem Rasen von Berlins zentralster Grünfläche – und berät über die Verteilung des Picknick-Korbes. Da macht ein Radler eine Notbremsung vor dem spurtenden Kleinkind und steigt dann ganz ab. Er reiht sich ein in die Menschenmenge, die sich in Zeitlupentempo durch die Anlage wälzt.

Das ist Berlin an sonnigen Tagen: Wenn alle raus wollen, geht nichts mehr im Park am Gleisdreieck, das West-Berliner Gegenstück zum Mauerpark. Und ähnlich wie Mittes Kultgrünfläche spätestens im Frühsommer staubige Steppe statt saftiges Grün bietet, ist auch der Park am Gleisdreieck von Überbevölkerung bedroht. Zumal die Stadt weiter an den Rändern der Grünfläche nagt.

Ecke Dennewitzstraße prangen Plakate an Bauzäunen, die eine große frei geräumte Brache abgrenzen. Bunte Bilder bringen die Zukunft nahe: zwei Blöcke, sieben Geschosse hoch, mehr als hundert Wohnungen. Und schräg gegenüber zerrt ein gelber Bagger an den Wänden des Parkhauses. Dabei stellten Baukolonnen das erst vor 17 Jahren fertig. Auch hier kommen Wohnungen hin, 180. Berlin wächst, der Platz in den Parks schrumpft.

Ganz rechts neben den Trümmern des Parkhauses liegen die „Himmelsblumen“ aus Kunstharz und Glasfaser. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Der Chef der landeseigenen Grün Berlin, Christoph Schmidt, hat die Gefahr erkannt und zwei „Parkmanager“ eingestellt. Deren Auftrag: Spätestens 24 Stunden nach Party-Nächten und sonnigen Wochenenden müssen die Müllberge weg und die Graffiti überpinselt sein. „Wehret den Anfängen“, lautet Schmidts Motto. Noch geht die Strategie auf. Und Berlins Oberster Grün-Aktivist hofft, dass der Kollaps des Parks, der mit hunderten neuer Wohnungen künftig noch mehr Besucher aufnehmen muss, verhindert werden kann. Durch die Sanierung der Yorckbrücken könnten die Massen über dieselben in das Schöneberger Südgelände strömen und sich dort verteilen.

Als erstes verschwand der Hügel, der das „Parkhaus am Gleisdreieck“ vom Park trennte. „Himmelsblumen“ liegen nun mitten im Schutt. Die Riesenrosen verteilte der Künstler Sergej Alexander Dott vor 15 Jahren in dem früheren Quartier von Daimler zur Feier dessen fünfjährigen Bestehens. Für die Rosen aus Kunstharz und Glasfaser war der Park am Gleisdreieck eigentlich nur ein Zwischenlager. Der Konzern wollte sie versteigern. Doch das letzte Dutzend von 80 wollte keiner.

So sieht die Planung für die Planung für die bisherige Parkhausfläche aus. Von Renzo Pianos Parkhaus bleiben nur die runden Kopfbauten. Foto: Promo
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Vom Parkhaus, das der italienische Stararchitekten Renzo Piano entworfen hat, bleiben nur die Kopfbauten erhalten: zwei runde tonnenförmige Baukörper. Zwischen dieselben wollen die Architekten des Büros KSP Jürgen Engel eine Formation von vier Häusern mit jeweils sechs Geschossen stellen. Anders als die Neubauten gegenüber sind sie nicht aufgereiht, sondern bilden kleine Zacken zum Park hin aus, wodurch auf der Rückseite Innenhöfe entstehen – private Gärten für die Käufer der Wohnungen. Auch dieser Bauherr will keine Mieter: 127 Eigentumswohnungen mit „geschwungenen Balkonen“ wird es hier geben, die „der Wohnbebauung Dynamik und eine starke Identität verleihen“.

Prosaischer sind für die meisten Berliner die Preise der am Park entstehenden Wohnungen: zwei Zimmer, 42 Quadratmeter, kosten mindestens 273 528 Euro im „Wohnpanorama“ an der Dennewitzstraße, weiter südlich. Das sind mehr als 5000 Euro für jeden Quadratmeter. Dafür gibt es einen „Südbalkon“ mit Blick auf den Park, versprechen die Verkäufer der Firma Ziegert. Und eine Million zahlt, wer eine große Wohnung braucht.

„Der Park ist eine Bereicherung für beide Bezirke, aber durch die Dichte der Neubauten und die Preise der Wohnungen ähnelt das New Yorks Central Park“, sagt Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne). Am Central Park wohnen Filmschauspieler, Popstars, Spitzenverdiener. Schmidt hat mit seinem Vergleich die 100 000 Quadratmeter große Baufläche „Urbane Mitte“ im Auge. Die liegt am östlichen Rand des Parks. Dem „Konsenskonzept“ von Jahn Mack und Partner zufolge sind hier überall Gebäude mit „Höhen von 60 bis 90 Metern denkbar“. Die Stadt hatte den Bau dieses „neuen Ortsteils“ in einer Zeit beschlossen, als die Wohnungsnot nicht ganz so groß war. Deshalb wird es dort keine Angebote geben zu günstigen Mieten.

Solche Alternativen gibt es wenigstens im Süden des Parks, in Neubauten der Genossenschaft Möckernkiez. Die ersten Mitglieder ziehen im Februar ein. Ein „Musterbeispiel“ nennt Schmidt das Projekt, das wiederholt kurz vor dem Scheitern stand. Die Genossen werden Mieten von acht Euro pro Quadratmeter plus Kapitaleinlage bezahlen. Wenig ist das nicht. Um günstigere Mieten anzubieten, müsse der Senat künftig auch Genossenschaften Fördermittel anbieten, findet Schmidt. Die Preise der Genossenschaft gingen trotzdem in Ordnung: „Neubau ist teuer, weil das Haus aber nicht verspekuliert werden kann, bleiben die Mieten dauerhaft stabil.“ Eben weil die Mieten und Kaufpreise in Berlin so stark steigen, sind acht Euro pro Quadratmeter für einen Neubau bald schon: billiger Wohnen.

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