Ziemlich neu – und sehr billig. Auch dieses Rad steht am Lietzensee. Es sind auffällig viele. Foto: Carl-Wolfgang Holzapfelp

Berlin-Charlottenburg Fahrrad-Hehlerei am Lietzensee?

Henning Onken
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Gebrauchte Räder stehen am Ufer des Lietzensees in Charlottenburg zum Verkauf an der Straße. Ein Fall für die Polizei? Die hat sich das angeschaut.

Ein kaum gebrauchtes Damenrad zum Viertel des Neupreises? Es klang gut, das Angebot am Ufer des Lietzensees in Charlottenburg. Dort stand das Rad angeschlossen an einer Laterne. Auf dem Zettel daran war neben einer Kurzbeschreibung und einem Kaufpreis nur eine Handynummer angegeben.

Tagesspiegel-Leser Carl-Wolfgang Holzapfel wurde stutzig, nachdem er im Umfeld des Bahnhofs Charlottenburg immer wieder an ähnlich ausgepreisten Fahrrädern vorbei ging – am Stuttgarter Platz oder vor einem Café in der Witzlebenstraße. Dem Rentner ließ die Sache keine Ruhe. Waren diese Angebote offene Hehlerei mit geklauten Rädern?

Ein Freund Holzapfels wählte sich durch die Nummern auf den Zetteln, gab Kaufinteresse vor. Stets schienen die Anrufe zu einer Person zu führen, die sich als Bekannter des Besitzers ausgab. Dieser werde sich zurückmelden, hieß es. Doch der Rückruf kam nicht – vielleicht auch, weil der angebliche Interessent einen Kaufnachweis für die Räder forderte.

Wollte der Verkäufer das Internet meiden?

Holzapfel ging mit seiner Geschichte zur Polizei, doch die verwies ihn an das Ordnungsamt. Dort wiederum nannte man ihm das Diebstahlreferat der Polizei als Ansprechpartner. Der 73-Jährige gab die Sache verloren, dabei hatte er inzwischen an die 30 dieser Räder in seinem Wohnumfeld gezählt. Dann las er im Tagesspiegel einen Artikel, wie die Autorin ihr gestohlenes Fahrrad auf Ebay-Kleinanzeigen entdeckte und es sich mithilfe der Polizei zurückholte. Mied der Verkäufer mit seiner Zettelei im Straßenland absichtlich die Plattformen im Internet, um einer möglicher Strafverfolgung auszuweichen?

Wohl nicht, beschwichtigt Stefan Petersen von der Pressestelle der Polizei. Man habe die Angelegenheit untersucht und keinen Hinweis auf Hehlerei entdeckt. Keines der überprüften Fahrräder war als gestohlen gemeldet. Ärger steht dem Verkäufer dennoch bevor – vom Bezirksamt, das nun Verstöße gegen das Gewerberecht prüft. Einfach so Räder abstellen und per Zettel verkaufen – geht nicht. Dazu braucht man eine Genehmigung.

Wichtige Regeln beim Gebrauchtkauf

Wer sich privat ein Fahrrad kaufen will, sollte auf einem schriftlichen Vertrag bestehen. Das rät Nikolas Linck, Berliner Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Am besten mit Personalien des Verkäufers, Rahmennummer und Beschreibung des Fahrrads. Hilfreich ist auch eine Rechnung des Erstkäufers. „Wer mit einem gestohlenen Rad erwischt wird, gilt der Polizei als Verdächtiger“, warnt Polizeisprecher Petersen. Wer dann etwas Schriftliches in der Hand hat, ist auf der sicheren Seite. Nicht immer ist die Rechnung eines alten Fahrrads noch vorhanden. Es verheißt aber nichts Gutes, wenn ein Verkäufer bei Fragen herumdruckst.

Ob auch an anderen Orten der Hauptstadt Fahrräder über angeheftete Zettel verkauft werden, ist weder dem Fahrradclub noch der Polizei bekannt. Dabei lassen sich solche Verkäufe öfter im Umfeld von Flohmärkten beobachten, wie etwa am Rande des Mauerparks. Manch einer veräußert dort sein Rad und schafft sich ein paar Meter weiter gleich das nächste an. Gewiefte Verkäufer können so die unausweichlichen Reparaturen an ihren Schrottmühlen jemand anderem an den Hals tauschen.

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