Wir schwören! Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Berlin 2030 - Unserer Serie blickt in die Zukunft (3) Wo ist noch Platz für Freiraum?
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Ein Senatsressort für die Kulturszene

Die ehemalige Grünen-Politikerin und jetzige Geschäftsführerin der Besucherorganisation Freie Volksbühne hat sich 30 Jahre in der Berliner Kulturpolitik profiliert und ist in vielen Punkten mit Sandig einer Meinung. Auch sie hält es für unumgänglich, in Berlin Kultur- und Stadtentwicklung zukünftig konzeptionell zusammenzudenken und am besten gleich ein Senatsressort daraus zu machen. Denn: Kulturpolitik ist Stadtentwicklungspolitik, weil sie existenziell von Räumen abhängt. Und die geplante City-Tax, auf die die Kulturszene angesichts knapper Kassenlage – unterstützt von Kulturstaatssekretär André Schmitz – ihre ganzen finanziellen Hoffnungen setzt, hat sie schon 2003 bei einem Kultursalon in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als „Kulturtaxe für Berlin“ ins Spiel gebracht.

Dass dieses mittelbar durch die kulturelle Strahlkraft der Stadt erwirtschaftete Geld zumindest teilweise dorthin zurückfließen muss, ist Konsens unter Kulturschaffenden. Nicht nur, weil es die Stadt auch 2030 leuchten lässt, wenn nach den Wellengesetzen des Marktes und der Moden auch der langlebigste internationale Berlin-Hype abgeflaut ist, sondern auch ihrer Bewohner wegen. „Berliner nutzen die Kulturangebote ihrer Stadt doppelt so häufig wie der Durchschnittsbundesbürger“, sagt Ströver. Und die dürften auch gern weiter im eigenen Kiez liegen. Sie sähe es gern, dass eine gleichermaßen in der Nachbarschaft wie stadtweit eingeführte Institution wie die Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz zur neuen Zentral- und Landesbibliothek ausgebaut würde, statt 270 Millionen Euro für einen Prestigebau auf dem Tempelhofer Feld auszugeben. „Wenn man Kulturweltstadt sein will, muss man mehr Geld in Köpfe stecken statt in Beton.“

Das unterschreibt auch Ellen Blumenstein. Die neue Chefkuratorin der Kunst-Werke in Mitte ist Mitglied im Rat für die Künste und hat mit dem „Salon Populaire“ samt der Veranstaltungsreihe „Haben und Brauchen“ eine Aktionsplattform für bildende Kunst und Stadtpolitik mitinitiiert.

Berlin 2030

Blumenstein schüttelt nur den Kopf darüber, dass der Senat es ablehnt, der Vielfalt und Dynamik der Kulturszene mit einem zukunftsweisenden Konzeptionspapier eine Richtung geben zu wollen. „Ein Kulturentwicklungsplan für Berlin ist wichtig, weil man Fernziele braucht“, sagt sie. Keinen zu haben, sieht sie als Symptom für mangelnden politischen Gestaltungswillen. „Berlin lebt davon, Hauptstadt der Künstler und Kreativen zu sein, also muss die Stadt auch Verantwortung für deren Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten übernehmen.“

"Ich bin der Meinung, ein Kulturentwicklungsplan für Berlin ist wichtig, weil man Fernziele braucht", sagt Chefkuratorin der Kunst-Werke in Mitte, Ellen Blumenstein. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Blumensteins Prognose für 2030 ist nicht rosig. Und zwar nicht nur, weil trotz des Atelierprogramms des Senats junge Künstler sich dann keine Ateliers mehr innerhalb des S-Bahn-Rings leisten könnten. Berlin sei ein Seismograf für die Kunstproduktion, sagt sie. „Kunst, die sich ernsthaft mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen will, wird es hier zukünftig schwerer haben.“ Dabei sei sie einer der letzten Bereiche, der nicht nur nach ökonomischen Kriterien funktioniert. Das mache ihn so bedeutsam für die Zukunft. „Hier vergewissern wir uns, wer wir sind. Hier erfinden wir Visionen für die Stadt.“ Doch die Berliner Museen und Theater verlieren sich immer mehr in Eventkultur, sagt sie.

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Das wiederum hält Markus Pabst für eine Chance. Der Showentwickler, Regisseur und Gründer der Kreuzberger Artisten-Plattform Base Berlin wird mit seinen Leuten auf dem Holzmarkt-Gelände eine neue Probehalle beziehen. Er glaubt, dass die etablierte Kultur in Berlin weiter von den Ideen lebt, die die Subkultur schafft. Und dass „die Übergänge zwischen Kultur und Party zukünftig immer mehr verschwimmen, deswegen geht das Staatsballett ja auch ins Berghain“. Auch er hofft, dass die Förderung, bei der wie von selbst jedes Gespräch über Kultur endet, zugunsten der Ideengeber in der freien Szene umgeschichtet wird. Er selber hätte davon nichts. „Wir haben noch nie danach gefragt und sind allein vom Interesse des Publikums abhängig.“ Angst in einem auch von ihm – je nach Lesart als normalisiert oder gentrifiziert – eingeschätzten Berlin des Jahres 2030 als Kulturschaffender unterzugehen, hat er nicht. „Es sollen so viele Leute wie möglich herkommen. Nicht nur, weil sie sich Shows ansehen, sondern, damit der Kreativpool größer wird. Das ist das Beste für die Kunst.“

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