Versorgung und Konsum: Mehr Menschen und noch mehr Shoppingcenter – ist das die Zukunft? Oder erleben wir eine Revolution des Konsums zwischen Online-Supermärkten, spezialisierten Läden oder der Rückkehr zur lokalen Selbstversorgung und Urban Farming? Foto: dpap
Berlin 2030 - Unsere Serie blickt in die Zukunft (7) Erhältlich im Einzelwandel
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„Der eine kann Obstbäume pflanzen, ein anderer auf seinem Dachgarten Bienen züchten“

Zudem könne man städtische Räume gemeinsam nutzen. „Der eine kann Obstbäume pflanzen, ein anderer auf seinem Dachgarten Bienen züchten“, sagt Faltin und kommt damit der Vision von Sigrid Niemer sehr nahe. 2030 könnte ein Drittel von Berlins Häusern begrünt sein, indem man brachliegende Flachdächer und Fassaden nutzt, hofft sie. Niemer ist eine der Mitbegründerinnen der Ufa-Fabrik in Tempelhof. Dort leben und arbeiten rund 200 Menschen in einer Nachhaltigkeits-Enklave. Auf Gründächern wachsen Kräuter und Pflanzen, die wiederum Bienen versorgen. Das Regenwasser wird gesammelt und selbst aufbereitet, zugleich produzieren Solaranlagen und das Blockheizkraftwerk mehr Strom, als gebraucht wird. In einer kleinen Biobäckerei verkauft die Ufa-Fabrik, in der einst Filme gemacht wurden, eigenes Brot, auch einen Flohmarkt gibt es. Das Projekt ist also Grünfläche, Wasserwerk, Energieversorger, Lebensmittelproduzent, Kulturzentrum und Tauschbörse in einem. „Dieses Konzept könnte an vielen Orten der Stadt angewendet werden“, sagt Niemer. Sie glaubt, dass Nachhaltigkeit für die Menschen in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird. „Die Verbraucher wollen wissen, wo die Dinge herkommen, die sie kaufen, sie suchen nach Vertrauen in der Entfremdung der Globalisierung“.

Nils Busch-Petersen, der dem Handelsverband Berlin-Brandenburg vorsteht, glaubt allen Negativszenarien zum Trotz an die heutigen Einzelhandelsstrukturen – und besonders an die kleinen Läden. „Die Einzelhändler wird es immer geben, auch weil von ihnen die Innovationen kommen“, sagt er, und verweist auf die Aldi-Brüder, die mit einem kleinen Krämerladen begonnen hatten. Doch, so schränkt der Handelsexperte ein, es werde einen „sich dramatisch verschärfenden Ausleseprozess“ durch das Wachstum des Online-Handels geben. „2030 werden wir geschätzt ein Fünftel der Handelsflächen der Stadt – rund 1,2 Millionen Quadratmeter Fläche – nicht mehr brauchen, weil die Umsätze ins Netz wandern“, sagt Busch-Petersen. Dabei werde es die inhabergeführten Geschäfte härter treffen als die effizient organisierten Shoppingcenter.

Eine Stadt mit nur einem Minimum an stationärem Handel, wie Faltin sie propagiert, kann Busch-Petersen sich nicht vorstellen. Stattdessen müssten die Händler umdenken. „Die Läden müssen einen Mix aus Waren und Service anbieten“, sagt er. „Schon heute will der Kunde keine Bohrmaschine mehr kaufen, er will das Loch in der Wand.“ Gerade deshalb glaubt ECE-Chef Alexander Otto, dass die Einkaufszentren gut für die Zukunft gerüstet sind: „Das Shoppingcenter hat langfristig eine Zukunft, weil es hochflexibel ist und immer auf die neuesten Trends reagieren kann“, sagt er. Derzeit erprobe man etwa, wie die Online-Welt und die Center besser vernetzt werden könnten. Um die geschätzt 700 000 Quadratmeter Verkaufsflächen für den Handel, die laut HDE in der Stadt bis 2030 hinzukommen sollen, dürfte es also einen Verteilungskampf geben – denn auch der Bedarf nach Flächen für Wohnungen, Büros und soziale Einrichtungen wird in den nächsten Jahren massiv steigen.

Die Hauptstadtregion, ihre Chancen, ihre Herausforderungen - Unsere Serie "Berlin 2030" blickt in die Zukunft.

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