Jetzt aber wirklich – 2017 entsteht das Hochhaus neben dem Einkaufszentrum „Alexa“. Simulation: Promo
p

Bauen in der Hauptstadt Diese neuen Hochhäuser sind für Berlin geplant

126 Kommentare

Das Stadtbild verändert sich in diesem Jahr, es wird nicht zu übersehen sein. Etliche Hochhäuser sollen entstehen – alte werden saniert, neue hochgezogen. Ein Überblick.

Das neue Jahr bringt den Linksruck in Berlins Wohnungspolitik und Städtebau und wird zugleich das Jahr der Hochhäuser: neu geplante, sanierte, umgebaute Hochhäuser, Wohnhochhäuser und 150 Meter hohe Türme, am Alexanderplatz und am Breitscheidplatz, in Steglitz und Friedrichshain, kurzum: in vielen Quartieren wächst Berlin in die Höhe, weit über die viele Jahrhunderte gehütete Traufhöhe von 22 Metern hinaus.

Der Markt macht’s möglich und haucht sogar den berüchtigtsten Bauruinen Berlins neues Leben ein. Für den Umbau von Berlins langjährigstem Bauskandal, dem Steglitzer Kreisel, liegt die Genehmigung des Bezirks vor: Bis zu 260 Wohnungen sind im ehemaligen Bürohochhaus geplant, beginnen sollen die Arbeiten im Frühjahr. Damit endet ein ewiger Skandal, der mit der Pleite der Sagen umwobenen Architektin und femme fatale Sigrid Kressmann-Zschach in den 1970er Jahren begann, in einer Politaffäre mit Rücktritten mündete, jahrzehntelangem Leerstand zur Folge hatte, zunächst als Rohbau und später als asbestverseuchte Ruine.

Dieses Haus nahe Ku'damm bekommt eine neue Fassade. Simulation: promo
p

Der mit den Ruinen tanzt, der Bauherr CG-Gruppe, will noch ein weiteres Hochhaus aus der gleichen Zeit in ein Wohngebäude umwandeln, den Posttower, einst höchstes Gewerbegebäude Berlins (89 Meter). Zurzeit stecken die Verhandlungen über die Baugenehmigungen fest: Der Bezirk fordert mehr bezahlbare und sozial gebundene Wohnungen, der Bauherr nennt das nicht finanzierbar.

Der Fall ist ein Menetekel für das Bauen in Berlin 2017, ja sogar in der Legislatur unter R2G: So wie im Grün regierten Friedrichshain-Kreuzberg wird die von der Linken eroberten Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bei Großprojekten in ganz Berlin den Druck auf die Bauträger erhöhen, mehr Wohnungen zu niedrigen Mieten zu bauen. Weil diese oft außerdem von ihren Gewinnen den Bau von Kitas, Straßen und Grünflächen bezahlen müssen, dürften Blockaden wie im Fall des Posttower keine Einzelfälle bleiben.

Luxuriöse Projekte in Mitte

Dafür geht es am Alexanderplatz weiter, der 2017 zu einem Schwerpunkt des Baugeschehens werden dürfte: Ganz dicht am roten Alexa-Kaufhaus wird die Grube für eines der spektakulärsten und teuersten Wohnhochhäusern der Stadt ausgehoben. Der Bauantrag war im Juli eingereicht worden für den 150 Meter hohen Turm, in dem 475 Eigentumswohnungen Platz haben, für die Käufer mindestens 5000 Euro je Quadratmeter bezahlen müssen.

Weiter nördlich an der Alexanderstraße, neben dem Kaufhaus „Die Mitte“ naht eine Einigung im Streit zwischen der BVG und dem Bauherr aus den USA Hines um die Überbauung des U5-Tunnels. Für 250 Millionen Euro soll hier einen Wohnturm nach Plänen der Architekturlegende Frank Gehry entstehen. Die Planung lag brach, weil die BVG befürchtet, dass ähnlich wie beim Bau des Kaufhauses LP12 am Leipziger Platz infolge der Bauarbeiten Wasserschäden eintreten und den U-Bahn-Verkehr zum Erliegen bringen könnten. Mitte vergangenen Jahres kündigten Hines und die BVG die Einigung auf eine technische Lösung zur Absicherung des Tunnels an.

Spandaus Zentrum am Rathaus wird sich radikal verändern. Simulation: promo
p

Gut möglich, dass in diesem Jahr auch das Haus des Berliner Verlages zur Großbaustelle wird; der Verlag zieht dort aus. Weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht, ist ein vollständiger Abriss unwahrscheinlich. Ebenso aber auch längerer Leerstand, weil dazu die Nachfrage nach Wohnungen und inzwischen auch nach Büroflächen groß ist und das Gebäude außerdem in bester Lage am Rande des Scheunenviertels steht.

Die Sanierung könnte in einem Zug mit dem Neubau eines weiteren Turmes am Rande des Grundstückes erfolgen, der nach dem überarbeiteten Masterplan von Hans Kollhoff dort genehmigungsfähig ist. Neun Hochhäuser dürfen demnach insgesamt neu entstehen, die genannten eingeschlossen.

Der Senat hätte besser planen müssen

Türme überall, sogar in bisher eher Hochhaus-unverdächtigen Lagen wie der Heilbronner Straße von Charlottenburg: „High West“ nennt der Entwickler das Hochhaus, das mit vier Blöcken im stadtüblichen Maß flankiert ist. Neu ist am Hochhaus allerdings nur die Natursteinfassade, das Skelett stammt vom früheren Bürogebäude, 17 Geschosse hoch, das dort bereits steht. 170 Wohnungen entstehen auf dem 5000 Quadratmeter großen Grundstück.

Statt Wildwuchs nach dem Zufallsprinzip zuzulassen, hätte der Senat längst eine „Hochhausplanung“ für das Stadtgebiet erarbeiten müssen. Das könnte eine der wichtigsten Aufgaben werden. Zumal sich die Widerstände mehren. Der wegen einsamer Entscheidungen nicht unumstrittene frühere Bausenator Andreas Geisel (SPD) hatte in Mitte den Bau eines Wohnturmes durch die landeseigene Firma WBM auf der Fischerinsel durchgesetzt.

33 Millionen Euro sollte das 19 Geschosse hohe Gebäude mit ergänzenden Sockelbauten kosten und Platz für 200 Wohnungen bieten. Für die WBM setzt das Projekt die Reihe der Türme aus DDR-Zeiten an der Leipziger Straße fort, für die Gegner setzt es diese Zerstörung des historischen Stadtgrundrisses Berlins fort, ausgerechnet dort, wo die Stadt einst gegründet wurde.

Der Streit um dieses Hochhaus öffnet zugleich den Blick für eine der schärfsten Auseinandersetzung über die schlampige Planungskultur in der Stadt, der unter dem sperrigen Begriff „Paragraf 34 Baugesetzbuch“ fällt. Dieser besagt grob: Überall, wo es keinen Bebauungsplan gibt, dürfen Häuser gebaut werden, die sich an den bestehenden Nachbarbauten in Maß und Erscheinungsbild orientieren. Paragraf 34 beschleunigt die Genehmigungsverfahren und den Bau dringend benötigten Wohnraums, lässt aber viel Spielraum in der Frage, was so alles dem Umfeld ähnelt oder eben nicht.

Die Bauplanungen könnten sich um Jahre verzögern

Heftigen Streit gibt es deshalb auch im Nachbarquartier Friedrichshain, wo ebenfalls teilweise Paragraf 34 herhalten muss beim Bau von 15 Wohnhochhäuser zwischen dem Westbereich des Volksparks Friedrichshain und dem Gebiet südöstlich des Strausberger Platzes. Die Neubauten sollen zwischen die bestehenden Hochhäuser in Plattenbauweise aus DDR-Zeiten gesetzt werden. Die Bewohner sind verärgert, weil dafür Grünflächen und Parkplätze verschwinden. Die Bezirksverordnetenversammlung hatte sich für die Aufstellung eines Bebauungsplanes ausgesprochen, weil nur dann auch die Auswirkung der Neubauten auf Stadtklima und Verkehr geprüft wird und die Bürger ordentlich beteiligt werden.

Die Auseinandersetzung beleuchtet das Risiko, das die Städtebaupolitik der neuen Koalition mit sich bringt: die Entschleunigung des Wohnungsbaus. Die bisherige SPD-geführte Bauverwaltung hatte die Bezirke gefördert und gefordert, um den Neubau massiv anzukurbeln und die Wohnungsnot zu entschärfen. Sie hatte „Bündnisse“ geschmiedet, aber auch Anweisungen erteilt und Planungen für Großgebiete wie dem Mauerpark oder die Elisabeth-Aue gegen den Bezirkswillen an sich gezogen.

Mit der neuen Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) kommt die Wende: Im Streit um die Hochhäuser in Friedrichshain appellierte sie an Bauherr WBM und Bezirk, mit dem Baubeginn zu warten. Im Koalitionsvertrag ist eine stärkere Bürgerbeteiligung verankert. Weil Berlin aber aus Dörfern besteht und sich in jedem derselben Widerstand gegen Neubauten wie in Galliens letzter Bastion formiert, ist mit einer Verzögerung von Bauplanungen um Jahre zu rechnen.

Am einstigen Posteck-Amt in Kreuzberg sollen die Bauarbeiten endlich beginnen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
p

Trösten kann sich die Koalition damit, dass die durchgreifende Politik ihrer Vorgängerin die Zahl der genehmigten und realisierten Neubauten kräftig angekurbelt hat. 185 Projekte listet die Website „Neubaukompass“ auf, viele davon mit hunderten von Wohnungen: 161 an den Ufern von Friedrichshain (Wave), 165 am Rande des Potsdamer Platz (High Park), Neubauten auf Brachen von Prenzlauer Berg (Mein Prenzlhain) oder Baulücken von Charlottenburg (B.West), ganze Quartiere in Karlshorst (Karla und Horst) oder Zehlendorf (Schlachtensee Carré).

Das sind Häuser und Wohnungen, die weit überwiegend zum Kauf angeboten werden und das zu Preisen für weit über 4000 Euro je Quadratmeter. Leisten kann sich das allenfalls jeder zweite Berliner. Die andere Hälfte verdient so wenig, dass sie Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein hat und damit auf eine Sozialwohnung. Diese vielen Menschen müssen auf die neue Baupolitik der Linken hoffen. Mit welchen Regulierungen, Steuerungen und Förderungen R2G aber den Kurs der kräftig anrollenden Baukonjunktur umlenken kann, damit bezahlbarer Mietwohnungsbau entsteht, das ist die spannendste aller Baustellen in 2017 Jahr – und die gefährlichste.

Zur Startseite