Gentleman-Schiene. Hussein Seif frisiert Männer aus aller Welt. Foto: Tsp/Kitty Kleist-Heinrich
p

Barbiere in Neukölln Von Messern und Männern

0 Kommentare

Kanake bleibt Kanake. Damit hat sich der Neuköllner Frisör Araz Brefky abgefunden. Hussein Seif hat seinen Laden nebenan – aber in einer ganz anderen Welt.

Hussein Seif weiß noch ziemlich genau, wann es losging, wann die Dinge in Bewegung kamen, draußen vor seinem Frisörsalon, und bald dann auch drinnen, im Laden, in seinem Kopf. Neue Gesichter tauchten vor seinem Fenster auf, junge, hippe, anfangs bloß ein paar, die auffielen, dann immer mehr. Irgendwann dachte er: Okay, da mache ich mit.

Das war vor genau fünf Jahren. Damals begann sie, seine Verwandlung.

Vorher war Hussein Seif ein typischer orientalischer Herrenfrisör, wie es ihn in Berlin hundertfach gibt, in Neukölln, in Kreuzberg, in Wedding und anderswo. Kein Schnickschnack, schnelle, günstige Schnitte und Rasuren. Seine Kundschaft war fast ausschließlich türkisch- und arabischstämmig, der Trockenschnitt kostete zehn Euro.

Heute hat Hussein Seif einen Werbedeal mit Panasonic, er tritt bei der Internationalen Funkausstellung auf, beschäftigt einen eigenen PR-Berater. Zur Arbeit trägt er ein weißes Hemd, Anzughose mit Hosenträgern und schwarze Lackschuhe. Sein Salon steht voll mit alten Vitrinen und Vintage-Möbeln, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos hängen an der Wand, auf einigen ist er selbst zu sehen. Auf einem zusammen mit Matt Damon. Seine Kunden warten auf geknöpften Ledersofas. Bart und Haare kosten bei ihm jetzt zusammen 50 Euro.

„Old School Barber“, steht draußen über der Tür. „Gentleman-Schiene“, sagt Hussein Seif. Er sitzt schräg auf einem seiner Frisiersessel, eine braune Cohiba paffend, eine dieser dicken Zigarren, die stets auch Statement sind.

Haarschnitt für zehn Euro: Ein Blick in die Vergangenheit

Noch immer heißt der Salon „Kücük Istanbul“, Klein Istanbul. Seif, 45 Jahre alt, betreibt ihn mit seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Raed, auch das ist noch so wie früher. Genau wie die Adresse: Flughafenstraße 15, im Schatten der mächtigen Neukölln Arcaden, dem Einkaufszentrum.

Seifs Geschichte ist die einer kompromisslosen Neuausrichtung. Eine, die auch von den Umwälzungen draußen vor der Ladentür erzählen kann, von Veränderungen, die diesen Ort erfasst haben, den Neuköllner Norden vielleicht noch schneller und tiefgreifender als andere Gegenden Berlins.

Kein Platz für Firlefanz. Bei Araz Brefky kostet der Trockenschnitt knapp zehn Euro. Foto: Tsp/Kitty Kleist-Heinrich
p

400 Meter den Hügel rauf, kurz vor der Hermannstraße, in der Flughafenstraße 52, liegt der Herrenfrisör „Orient Style“, in dem Araz Brefky frisiert, wo es den Haarschnitt immer noch für zehn Euro gibt. Man kann hier gewissermaßen in die Vergangenheit gucken, die auch Hussein Seifs Vergangenheit ist. Es ist genau so ein Salon, wie er ihn früher betrieben hat.

Zwei Welten in unmittelbarer Nähe, hier das Neue, dort das Alte.

Zwei Enden einer Stadt, die in diesem Fall sogar den gleichen Ursprung haben. Zwei Frisöre, die jeden Tag hierherkommen, um ihren Job zu machen. Zwei Menschen, die fern von hier geboren wurden. Beide haben fast gleichzeitig ihren Weg nach Berlin gefunden, vor gut 20 Jahren. Sie sind Kollegen und quasi Nachbarn, das selbe Handwerk, die selbe Straße, sie wissen voneinander und doch haben sie sich nie getroffen, den Salon des jeweils anderen nie betreten.

Mehr zu Neukölln