Im Kaiserreich gab es keine politische Opposition. Diese Funktion übernahm die "Meinungspresse", was ihr eine schnell wachsende Bedeutung verlieh. Es herrschte ein harter Konkurrenzkampf um die Leser der Drei-Millionen-Stadt Berlin. Foto: bpk / Münchner Stadtmuseum
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Aufstieg und Fall einer Zeitungsstadt Wie Berlin zur Presse-Metropole wurde
Peter de Mendelssohn
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Ein neues Blatt für eine neue Zeit

Der Blätterwald. In der Vorkriegszeit bildeten die Verlagshäuser und Redaktionen quasi ein eigenes Viertel rund um die Kochstraße. 500 Druckereien produzierten 1928/1929 über 2000 Zeitungen, Journale und Magazine. Foto: bpk / Friedrich Seidenstücker
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Ein neues Blatt der neuen Zeit – so stand es im Herbst 1898 auf allen Berliner Litfasssäulen zu lesen. Das neue Blatt war Leopold Ullsteins „Berliner Morgenpost“. Mit seinem Erscheinen begann der Zeitungskrieg Ullstein-Scherl, der bis in das neue Jahrhundert hinein die Berliner Zeitungswelt in Atem hielt.

August Scherls „Berliner Lokal-Anzeiger“ war jetzt fünfzehn Jahre alt und schon längst keine Sensation mehr, sondern eine feststehende Einrichtung des Berliner Lebens. Er hatte eine Umwälzung im deutschen Zeitungswesen hervorgerufen und einen neuen Zeitungstyp geschaffen, der inzwischen überall nachgeahmt worden war. Aber er hatte nicht das gehalten, was er ursprünglich versprochen hatte: ein wirkliches Volksblatt zu sein. Scherl war in seiner ganzen Anschauungsweise den wilhelminischen Gründerjahren verhaftet und spürte nicht, dass der Zeitgeist ihn hinter sich zurückzulassen begann. Die Berliner aber spürten es: Sie wollten nicht immer nur vom Kaiser lesen, und sie hegten eine gesunde, demokratische Skepsis gegenüber der angeblichen Unfehlbarkeit der Regierung und des Adels. Gegen Ende der neunziger Jahre hatte Scherl mit großen Teilen der Bevölkerung die Fühlung verloren.

Hinzu kam etwas anderes. Scherl hatte zwar richtig erkannt, dass die Berliner der einseitig parteipolitisch festgelegten Blätter alten Stils überdrüssig waren. Aber er hatte ihre Anteilnahme an öffentlichen Angelegenheiten und ihren Wunsch, in öffentlichen Auseinandersetzungen Partei zu nehmen, unterschätzt. Diesem Bedürfnis trug die von ihm ins Leben gerufene „Generalanzeiger-Presse“ nicht Rechnung. Als Ullsteins „Berliner Morgenpost“ mit der programmatischen Überschrift: „Parteinehmer, nicht Parteigänger!“ hervortrat, erwies das Echo, welches sie fand, dass sie die Stimmung richtig eingeschätzt hatte.

Das Blatt konnte sich selbst der Ärmste leisten

Leopold Ullstein hatte inzwischen die Schwelle der siebzig überschritten. Seit mehr als zwei Jahrzehnten hatte er mit seiner „Berliner Zeitung“ der alten Fortschrittspartei treu zur Seite gestanden und sich auch nicht gescheut, Opfer für die von ihr vertretene Sache zu bringen. Aber als die Partei geistig und in ihren Persönlichkeiten überalterte und den neuen Verhältnissen und Einsichten nicht mehr gerecht zu werden vermochte, und als Louis Ullstein ihm darlegte, dass der Augenblick gekommen sei, mit einer neuen volkstümlichen Zeitung den leeren Raum zu füllen, den die überalterte Parteipresse einerseits und die offiziös gewordene Generalanzeiger-Presse andererseits frei gemacht hatten, fand er den Vater nicht unempfänglich.

Auch sonst lagen die Verhältnisse günstig. Es hatte sich inzwischen in Berlin die in der übrigen Welt kaum bekannte Gepflogenheit eingebürgert, die Zeitungen zweimal täglich erscheinen zu lassen. Eine Zeitung nach der anderen fügte ihrer Morgenausgabe auch eine Abendausgabe hinzu. Dies zwang zur Erhöhung der Bezugspreise, ohne dass die Blätter selbst besser wurden. Die zweimalige Berichterstattung am Tage konnte natürlich schneller sein, aber sie zersplitterte sich.

Ullstein beschloss, mit der damaligen Gepflogenheit zu brechen und seine neue Zeitung als einmal täglich erscheinendes Morgenblatt herauszubringen. Es sollte sich herausstellen, dass diese „Neuerung“, die im Grunde nur eine Abkehr von einer „Entartung“ war, sehr wesentlich zum Erfolg der Zeitung beitrug. Ullstein beschloss als weitere Neuerung, das bei der „Berliner Illustrirten“ mit so großem Erfolg eingeführte Wochenabonnement für die neue Tageszeitung zu übernehmen: Niemand sollte sich zur Abnahme der Zeitung auf mehr als eine Woche verpflichten müssen. Sechs Nummern kosteten nicht mehr als eine Nummer der illustrierten Wochenschrift. Einen „Groschen“ in der Woche konnte sich selbst der Ärmste leisten. Während alle übrigen Berliner Tageszeitungen zwischen fünf und zehn Pfennig pro Nummer kosteten, war Ullsteins neues Blatt für 1,6 Pfennig einschließlich Zustellung zu haben.

Leopold Ullstein mochte das Risiko des neuen Unternehmens mit einer gewissen Bangigkeit betrachten. Aber schließlich war doch er es, der auf- grund langer Erfahrung und großer Menschenkenntnis die zündende Idee hatte, welche den Erfolg verbürgte. Er fand den Mann, der die neue Zeitung zu schaffen und zu gestalten verstand, und zwar genau so, wie sie dem Verlag vorschwebte. Dieser Mann war ein ausgesprochenes Original und hieß Arthur Brehmer.

Brehmer stammte, wie viele der erfolgreichsten Journalisten Berlins, nicht aus Berlin, sondern aus Wien. Er war der Kaffeehaus-Literat par excellence. „Auf einer langen hageren Figur saß ein großer, etwas verwitterter Kopf, der von einem sich ganz wild gebärdenden Haarschopf gekrönt war. Ein ewig abrutschender Zwicker jonglierte auf der hakig gekrümmten Nase.“ So schildert ihn Georg Bernhard. Dieser Mann war im Frühsommer 1898 engagiert worden, um das Feuilleton der „Berliner Zeitung“ und der „Abendpost“ ein wenig aufzufrischen. Brehmer verbrachte den größten Teil seiner Zeit nicht am Redaktionsschreibtisch, sondern im benachbarten Café Friedrichshof, wo er alle möglichen, zum Teil recht abenteuerlich aussehenden jungen Leute in stundenlangem Gespräch um seinen Tisch versammelte. An diesem Tisch erledigte er auch seine Redaktionsarbeit, schrieb seine Artikel und beantwortete seine Korrespondenz. Die meisten Zuschriften schob er freilich ungeöffnet in die Schreibtischschublade und vergaß sie.

Diese erstaunliche Arbeitsweise eines Feuilletonredakteurs, der sich an keinen Stundenplan hielt, mit seinen Manuskripten immer erst im letzten Augenblick in der Setzerei eintraf, dennoch eine ausgezeichnete Zeitung machte und nebenher sogar noch ständig Fortsetzungsromane schrieb, verblüffte Ullstein. Der Mann gefiel ihm. Ullstein hatte sich bereits nach verschiedenen Seiten hin nach einem geeigneten Chefredakteur für die neue Zeitung umgesehen, aber ohne rechten Erfolg. Jetzt erklärte er eines Tages seinen erstaunten Söhnen: „Nehmen wir Brehmer! Der Mann ist ja nie da! Wenn er trotzdem sein Feuilleton so gut macht, muss er was Besonderes weg haben. Ich glaube, er ist der richtige Mann.“

"Tapfer die Meinung vertretendes Blatt"

Die „Berliner Morgenpost“ erschien am 20. September 1898 zum ersten Mal. Bereits nach zwei Monaten hatte die „Morgenpost“ 40 000 Abonnenten, nach siebenmonatigem Bestehen, im April 1899, überschritt sie die ersten hunderttausend und war jetzt bereits größer als Mosses „Berliner Tageblatt“ oder Ullsteins „Berliner Zeitung“ und „Abendpost“ zusammengenommen. Als sie ein Jahr alt war, hatte sie 160 000 Bezieher und damit Scherls „Lokal-Anzeiger“ überflügelt. Im Mai 1900 war die erste Viertelmillion erreicht. Noch nie in der Zeitungsgeschichte Berlins hatte eine Tageszeitung eine solche Auflagenhöhe erzielt. Und noch immer kletterte die unheimliche Zeitung weiter, bis sie im April 1930 mit einer Auflage von über 400 000 Exemplaren (623 000 am Sonntag) ihren Höchststand als die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands erklomm.

Was war das Geheimnis dieses Erfolges? Es war kein Geheimnis.

Schon August Scherl hatte zwanzig Jahre früher beim Studium der englischen und amerikanischen Zeitungen bemerkt, dass hier ein ganz anderer Stil vorherrschte, von dem man etwas lernen konnte. Aber er hatte nur die Äußerlichkeiten des Stils übernommen und auch sie verflacht, ohne das journalistische Verantwortungsbewusstsein gegenüber der öffentlichen Meinung, das den von ihm nachgeahmten Vorbildern eigen war. In Deutschland war diese Unterscheidung nicht geläufig, und die „Morgenpost“ musste folglich darauf bedacht sein, bei ihrer „Amerikanisierung“ nicht mit der „gelben Presse“ in einen Topf geworfen zu werden.

Dass ihr dies gelang, war in erster Linie das Verdienst Brehmers. Bei aller Frische der Aufmachung und des Stils blieb die Zeitung in ihrer Grundhaltung ernst und verantwortungsbewusst und rutschte nie ins Grelle, Läppische oder gar Zynische ab. Im Gegenteil, Brehmer war einer der ersten Berliner Journalisten, die es wagten, auch solche Zeitübel anzupacken, an denen „die Wohlanständigkeit zwar berechtigten Anstoß nahm, aber nur in stummer Klage vorüberging“, wie etwa die Slums des damaligen Berliner Scheunenviertels. Brehmer war ein Bohémien, aber er war alles andere als ein weltfremder Kaffeehaus-Literat. Seine Maxime war: „Erst sehen, dann darüber nachdenken, dann darüber schreiben!“

Brehmer war auch einer der Ersten, die bei der Lokalberichterstattung methodisch die Leser der Zeitung zur Mitarbeit heranzogen. Auch das war etwas Neues, das die „Morgenpost“ an ihr Publikum fesselte. Brehmer veranlasste, dass Mitteilungen des Publikums, wenn sie von Wert waren, angemessen honoriert wurden. Das sprach sich schnell herum, und bald konnte sich in Berlin nichts von allgemeinem Interesse ereignen, ohne dass „sehr ordentliche Leute“ es schleunigst zur „Morgenpost“ gebracht hätten.

„Dass aus dem Gewirr dieser Anfangstage“, schreibt [der Chef des Wirtschaftsteils] Georg Bernhard, „und trotz der Quecksilbrigkeit des Chefredakteurs, der die Fortsetzungen zu seinen Romanen meist im Café schrieb, überhaupt schließlich Tag für Tag eine Zeitung entstand, das schien allen immer von neuem ein Wunder. Brehmer hatte sich seine Redakteure aus aller Welt zusammengeholt. Er probierte und wechselte. Er stellte die höchsten Anforderungen und hatte nach einem Jahr schließlich einen Stab beieinander, der es verstand, ein volkstümliches, an keine Schablone gebundenes und dabei doch tapferes und seine Meinung vertretendes Blatt zu schaffen.“

Der einzige, den es auf die Dauer bei seinem Werk nicht hielt, war Brehmer selbst. Der fantastische, genialische, von Ideen übersprudelnde Mann vermochte nicht, sich in die feste Arbeitsdisziplin einer Redaktion zu fügen, und indes die „Morgenpost“ zu einem mächtigen Unternehmen anwuchs, wurde die Führung des Blattes allzu unberechenbar. Mitarbeiter, Setzerei, Druckerei, Vertrieb klagten über Brehmers Nachlässigkeit und Disziplinlosigkeit. Schließlich gab es keinen anderen Ausweg: man musste sich von ihm trennen. Der unbeschreibliche Mann, der buchstäblich am Kaffeehaustisch Deutschlands größte Zeitung in die Welt gesetzt hatte, kehrte in seine Heimatstadt Wien zurück.

Der Zeitungskrieg

Niemand verfolgte den Aufstieg der „Morgenpost“ mit größerer Aufmerksamkeit als August Scherl; und niemand konnte sich leichter die gewaltige finanzielle Anspannung ausrechnen, die infolge des niedrigen Einführungspreises und der hohen Werbekosten im Ullsteinhaus nötig war. Scherl zweifelte nicht, dass die Konkurrenz ihren geringen Preis nicht würde halten können. Aber er musste sich trotzdem gegen die Bedrohung wehren, die seinem „Lokal-Anzeiger“ erwachsen war. Der Schwung der „Morgenpost“ war gefährlich für den „Lokal-Anzeiger“; die Unrentabilität war gefährlich für die „Morgenpost“.

Scherl beschloss, zum Gegenangriff überzugehen: Eine Werbekampagne ohnegleichen sollte den „Lokal-Anzeiger“, dessen Abonnementseinnahmen im Jahr 1899 um 70 000 Mark zurückgegangen waren, auf neue Auflagenhöhen hinauftreiben und zugleich Ullstein so hohe Kosten aufzwingen, dass der Preis der „Morgenpost“ erhöht werden musste und der „Lokal-Anzeiger“ wieder konkurrenzfähig wurde.

Damit setzte der Zeitungskrieg Ullstein–Scherl ein. Er spielte sich, zumindest nach außen, ausschließlich auf den Berliner Litfasssäulen ab. Woche um Woche verkündete Scherl auf großen Plakaten die langsam, aber sicher ansteigenden Auflageziffern. Woche um Woche erschienen jetzt daneben die noch größeren Ullstein-Plakate mit den schneller und ebenso sicher ansteigenden „Morgenpost“-Ziffern. Ganz Berlin verfolgte das Rennen mit Spannung.

Würde die „Morgenpost“ den „Lokal-Anzeiger“ einholen? Sie holte ihn ein. Würde sie ihn überholen? Sie überholte ihn. Scherl wusste, dass er geschlagen war. Aber er wusste auch, dass Ullstein sich die Fortführung des erbitterten Krieges nicht leisten konnte. Der Augenblick zu Verhandlungen war gekommen. Scherl schickte einen Abgesandten in die Kochstraße. Ob man sich nicht verständigen könne?

„Das ist unsere Rettung!“, erklärte Louis Ullstein den versammelten Brüdern. Scherl, so hatte der Mittelsmann zu verstehen gegeben, sei bereit, einen Anteil an der „Morgenpost“ zu erwerben und eine Million Mark dafür zu zahlen, vorausgesetzt, dass Ullstein einwilligte, den mörderischen Reklamekrieg einzustellen und keine Auflageziffern mehr öffentlich bekannt zu geben.

Die Vereinbarung wurde im April 1900 in einem Freundschafts- und Konkurrenzausschluß-Vertrag festgelegt. Die Plakate verschwanden von den Anschlagsäulen. Die „Morgenpost“ teilte am 11. Mai 1900 ihren Lesern keineswegs schüchtern, sondern geradeheraus mit: »Das lang Erwartete tritt ein«, und erhöhte den Preis um fünfzig Prozent.

Die Absicht Scherls, mit dieser „Stützungsaktion“ den „Lokal-Anzeiger“ gegen die „Morgenpost“ gleichsam abzuschirmen, wurde jedoch damit nicht erreicht. Die „Morgenpost“ war jetzt bald finanziell gesund und entwickelte sich unaufhaltsam weiter, und Scherl verdiente lediglich an ihrem Aufstieg mit. Schon zwei Jahre später war Ullstein in der Lage, die Hälfte der Scherl gehörenden 625 000 Mark »Morgenpost«-Anteile zum Neuwert zurückzukaufen. Die im Verlag Scherl zu dieser Zeit herrschenden Verhältnisse fügten es, dass Scherl dieses Geld gut brauchen konnte. Am 31. März 1909 kehrte auch die andere Hälfte der „Morgenpost“-Anteile zu Ullstein zurück.

Diese Vereinbarung, die Scherl zu seinem eigenen Schutz vorgeschlagen hatte, begünstigte auf längere Sicht denjenigen Verleger, der die größere Initiative und die wirklich neuen Ideen besaß. Scherl glaubte, sein Schäfchen ins trockene gebracht zu haben. Er hatte noch kurz vor der Verständigung mit Ullstein schnell selbst eine neue Morgenzeitung gegründet, und diese Zeitung war durch die Vereinbarung geschützt. „Der Tag“ erschien 1900 zum ersten Mal.

Mit ihm wollte Scherl „höher hinaus“. Hans Erman charakterisiert dieses Streben in seiner Scherl-Biographie: Scherl hat sich gegenüber der Krone seine Verdienste erworben, indem er das Volk für die Monarchie gewinnt – er hofft, mit dem „Tag“ die Aristokratie für die Probleme des Volkes zu gewinnen. (...) Aber es war sehr bald zu merken, daß diese „führenden Kreise“ Scherl sehr gern als ihren Anwalt, auch als ihren Propagandisten in Anspruch nahmen, daß sie aber nur wenig Lust hatten, sich von ihm belehren zu lassen.

Aber der „Tag“ war und wurde kein Geschäft. Bald lief im Zeitungsviertel das Scherzwort um, Scherl verliere „an einem Tag“ mehr, als er „in einer Woche verdienen“ könne. Der „Tag“ blieb bis zu seiner Einstellung 1934, ein Zuschussunternehmen. Er war nicht die erste und nicht die letzte Zeitung in Berlin, die aus Prestigegründen oder aus politischen Erwägungen am Leben erhalten wurde.

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