Im Kaiserreich gab es keine politische Opposition. Diese Funktion übernahm die "Meinungspresse", was ihr eine schnell wachsende Bedeutung verlieh. Es herrschte ein harter Konkurrenzkampf um die Leser der Drei-Millionen-Stadt Berlin. Foto: bpk / Münchner Stadtmuseump
Aufstieg und Fall einer Zeitungsstadt Wie Berlin zur Presse-Metropole wurde
Peter de Mendelssohn
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Die stumpfe Waffe

Gleichgeschaltet. Hitler und seine Begleiter zeitungslesend bei einer Rast 1933. Foto: imago stock&peoplep

Berlin war an der Jahreswende 1928/29, dem höchsten Stand seiner wirtschaftlichen, geistigen und kulturellen Blüte, eine Stadt der Zeitungen im wahrsten Sinn des Wortes. Im Jahr 1928 zählte man im Deutschen Reich 3356 politische Tageszeitungen, von denen in Berlin allein 147, nach anderer Rechnung 114 erschienen. Die Differenz ergab sich vermutlich daraus, dass in der höheren Ziffer eine Reihe von Zeitungen mitgezählt wurden, deren politischer Charakter zweifelhaft war.

Nimmt man Zeitungen und Zeitschriften zusammen, wie sie bei Großverlagen wie Ullstein und Scherl zusammengenommen werden mussten, da sie ein eng verflochtenes verlegerisches und publizistisches Ganzes bildeten, so zeigt sich, dass Berlin im Jahr 1928 nicht weniger als 2633 verschiedene Zeitungen und Zeitschriften hervorbrachte. In Berlin waren damit 26 Prozent der gesamten deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenproduktion konzentriert. Die eigentlichen Zeitungen machten hiervon nur viereinhalb Prozent aus. Aber ihr Umfang und ihre hohen Auflagen hielten sich weit über dem Durchschnitt im Reich.

Hundertsiebenundvierzig richtige Zeitungen in einer einzigen Stadt! Von diesen erschienen 93 sechsmal oder öfter; 18 erschienen wöchentlich zwei bis fünfmal; 29 wöchentlich einmal. Es gab eine russische und eine polnische, die beide sechsmal wöchentlich erschienen. Den größten Teil dieser 147 Zeitungen stellten natürlich die etwa siebzig Blätter der sogenannten Großberliner Heimatpresse, die nur eine lokale Verbreitung in ihrem jeweiligen Stadtbezirk und eine vergleichsweise kleine Auflage hatten. Aber mehr als die Hälfte von ihnen erschien täglich, und manche von ihnen hatten recht ansehnliche Auflagen. Die größte und älteste von ihnen war die 1858 gegründete „Spandauer Zeitung“ mit 32 000; ihr folgten die „Neue Zeit“ in Charlottenburg mit 23 000.

Die Parteien zersplitterten und mit ihnen die Presse

Sehen wir von dieser lustig blühenden, aber politisch einflusslosen Bezirkspresse ab, so finden wir in der Reichshauptstadt an der Jahreswende 1930/31 noch immer 45 Morgenzeitungen, 14 Abendzeitungen und zwei Mittagszeitungen, die mit ganz wenigen „unpolitischen“ oder „parteilosen“ Ausnahmen politisch mehr oder weniger festgelegt und somit ein formendes Element der öffentlichen Meinung waren. Betrachtet man die politische Orientierung dieser „Meinungspresse“, so blickt einem die ganze Spaltung und Zerfaserung des politischen Lebens von damals entgegen, die eine organische und wirksame politische Willensbildung und eine maßgebende öffentliche Meinung unmöglich machten. Die Parteien zersplitterten sich immer mehr; und mit ihnen zersplitterte sich die auf die Parteien festgelegte Presse.

Die kommunistischen und die nationalsozialistischen Blätter unterschieden sich grundsätzlich von den übrigen. Sie waren ein völlig anderer und bis dahin nicht gekannter Typ. Während die herkömmliche deutsche Zeitung vielen Absichten diente, indem sie zugleich informierte, bildete, belehrte, unterhielt und amüsierte, verzichtete der neue Zeitungstyp auf all dieses und trat als reines „Kampfblatt“, also als Agitationsmittel, auf. Die „Kampfblätter“ waren nicht aus der Zeitschrift entwickelt, sondern aus der politischen Flugschrift, dem Flugblatt und dem Handzettel, und sie wiesen alle deren Charakteristika auf: die Auflösung des Textes in eine Serie gestaffelter Überschriften, einen lauten, aggressiven Ton, Behauptungen statt Argumente, Schmähung statt Debatte, ein knatterndes Maschinengewehrfeuer von Schlagworten statt einer geordneten Auseinandersetzung. Diese Zeitungen waren weit mehr gesprochen als geschrieben. Besonders die nationalsozialistischen waren im Grund gedruckte Wiedergaben der oratorischen Agitation, mit der die nationalsozialistische Bewegung die Massen zu sich heranzog, und sollten auch nichts anderes sein.

Zeitungen können keine Revolutionen machen. Der Umsturz von 1933 war nicht das Werk des „Völkischen Beobachters“, und das „Berliner Tageblatt“ und die „Vossische Zeitung“ konnten ihn nicht im Keim ersticken. Wohl aber konnten Hugenbergs Zeitungen dem Umsturz den Weg bereiten und ihn fördern, und sie taten es nach Kräften.

So fragt sich Hermann Ullstein immer wieder, wie war es möglich? Jeder siebente Deutsche las damals regelmäßig ein Erzeugnis des Verlages Ullstein. Es gab wirklich einen Typ deutschen Staatsbürgers, den der liberal-demokratische, aufgeschlossene, tolerante, aus vernünftiger Überlegung und sachlicher Auseinandersetzung gespeiste Geist ansprach, der in den Zeitungen und Zeitschriften des Verlagshauses lebte. Aber sprach dieser Geist kräftig, nachdrücklich und konsequent genug aus diesen Publikationen? Und wenn er es tat, übte er einen bestimmenden Einfluss auf diese fast sieben Millionen aus?

Es ist kaum zu bestreiten, dass die demokratische Presse vor allem in den Anfangsjahren, als die Republik Wurzeln fassen musste, sich zu wenig bemühte, das Interesse der Massen für die neue Staatsform zu wecken. Es wurde, grob gesprochen, wie Hermann Ullstein es ausdrückt, für die Republik »zu wenig Reklame gemacht«.

Die demokratischen Zeitungen wachten spät auf. Doch sie wachten auf. Die Behauptung, sie hätten den Anmarsch des Nationalsozialismus „verschlafen“, ist ebenso unrichtig wie die Unterstellung, sie hätten sein eigentliches Wesen nicht erfasst. Sie erkannten die Gefahr durchaus, und es fehlte ihnen keineswegs an Mut, ihre Erkenntnisse klar und deutlich auszusprechen.

Die Bindung war zu eng

Diese Artikel erregten Aufsehen; aber nicht bei jenen, die es aufzuklären galt. Sie predigten den Bekehrten. Die Kleinbürger und Arbeiter, die dem Nationalsozialismus in die Arme liefen, lasen die „Vossische Zeitung“ nicht. Sie lasen jedoch die „Berliner Morgenpost“ und die „Berliner Illustrirte“, und es war die Frage, ob sich auf dieser Ebene mehr erreichen ließ. Hermann Ullstein war in seiner temperamentvollen Art dafür, es zu versuchen. Er war überzeugt, dass die Presse eine „unausgenützte Macht“ sei. Er schlug vor, die Ullsteinschen Massenblätter wie „Morgenpost“ und „Illustrirte“ aus ihrer bisherigen „Neutralität“ herauszureißen, sie als Waffe im Kampf für die bestehende Ordnung und gegen den Umsturz einzusetzen. Es ließen sich durch sie sechs bis sieben Millionen Deutsche „erfassen“ und beeinflussen, die in ihrer Mehrheit jenen Schichten angehörten, die für den Nationalsozialismus besonders anfällig waren.

Der Verlag lehnte, wie Hermann Ullstein erzählt, seinen Vorschlag ab. Man hielt ihm vor, man werde auf diese Weise die Hälfte der Leser verlieren. Er erwiderte, es sei besser, die Hälfte jetzt als alle Leser später zu verlieren. Hier jedoch lag ein Trugschluss. Der sofortige Verlust der ersten Hälfte der Leser hätte den späteren Verlust auch der zweiten Hälfte nicht verhindert. Denn man hätte mindestens die Hälfte der knapper werdenden Inserate verloren und dabei politisch Nennenswertes nicht erreicht. Der Verlag hatte mit seiner Weigerung recht, ohne zu wissen, warum. Hermann Ullstein erkannte es später: „Obwohl unsere Leser uns nach außen hin treu blieben, bestand nur wenig Zweifel, dass sie im Herzen nicht mehr auf unserer Seite waren. Innerlich war die gute Hälfte von ihnen, die überzeugt war, daß ,es nicht so weitergehen kann’, bereits in Hitlers Lager. Tag um Tag kritisierten wir ihr Idol und griffen es an, und es hatte nicht die geringste Wirkung auf sie.“

Roosevelt gewann hintereinander vier Präsidentenwahlen mit großen Mehrheiten, obwohl sich bis zu vier Fünftel der gesamten amerikanischen Presse mit äußerster Anstrengung für seine Gegner einsetzten. Die Leute lasen ruhig ihre gewohnte Zeitung weiter, richteten sich aber nicht nach ihr. Während die Zeitungsleser in Amerika und England bei wichtigen Entscheidungen wie Wahlen kühl ihre eigenen Entschlüsse fassten, ohne dass das freundliche Verhältnis zur gewohnten Zeitung dadurch gestört wurde, ergab sich in Deutschland eine schwere Störung. Sie konnte nur erfolgen, weil der deutsche Leser nicht etwa ein zu loses, sondern weil er ein zu festes Verhältnis zu seiner Zeitung hatte. In einem Aufsatz Georg Bernhards aus dem Jahr 1929 wird dies sehr klar definiert. „Der Deutsche“, schrieb Bernhard, „steht zu seiner Zeitung in einem ganz anderen Verhältnis als der Engländer oder Amerikaner. Der Grund hierfür ist das Abonnement.“

Hitler verbot die Presse nicht. Er versklavte sie

Wäre diese Bindung nicht so fest, ja unlöslich gewesen, so hätte sie möglicherweise dem Zug und Druck der großen Vertrauenskrise der letzten Jahre der Weimarer Republik besser standgehalten. Aber sie war zu unelastisch; so riss sie und kehrte sich geradezu in ihr Gegenteil. Der Zeitungsleser hatte aufgehört zu denken und verlangte von seiner Zeitung, dass sie ebenfalls aufhöre zu denken. Und da die Bindung an „seine“ Zeitung weitgehend von Gewohnheit und Sentiment bestimmt war, zuckte der Leser nicht einfach die Achseln über die Meinung der Zeitung, mit der er nicht mehr übereinstimmte, sondern er kündigte in einer heftigen Affekthandlung gleich die ganze Bindung. Die erwähnte Einschüchterung der Abonnenten durch Terror und Drohungen spielte dabei eine bezeichnende Rolle: diese Einschüchterung wäre nicht so leicht möglich gewesen, wenn der Leser die Zeitung von Fall zu Fall auf der Straße gekauft hätte.

Die Zeitungen der Linken und der demokratischen Mitte verloren das Vertrauen ihrer Leser unter anderem auch, weil sie ihre Leser über die tatsächlichen Vorgänge und Entscheidungen nur mangelhaft unterrichteten; und sie unterrichteten sie mangelhaft, weil sie sehr häufig selbst nicht Bescheid wußten und sich auch keine Auskünfte mehr verschaffen konnten. Die Auskünfte, die sie sich verschaffen konnten, waren häufig „vertraulicher“ Natur, und es war unmöglich, von ihnen Gebrauch zu machen. Bismarck prägte das Wort: „Journalisten, auf deren Indiskretion man sich nicht verlassen kann, haben keinen Wert.“ Er vertraute ihnen nur das an, was er auf diskrete Weise in Umlauf gebracht zu sehen wünschte.

Jetzt, unter Papen und Schleicher, war es umgekehrt. Hermann Ullstein bemerkt richtig: „Die Presse war von ihrer ursprünglichen Funktion, dem Publikum so viel Nachrichten und Informationen zu vermitteln, als sie auftreiben konnte, zur Hüterin der tiefsten Geheimnisse geworden. Je enger wir mit der Regierung zusammenarbeiteten, desto strenger wurde unsere Diskretion. Wir wurden in vieles vertraulich eingeweiht, aber es war immer ,natürlich nicht zur Veröffentlichung’.“

Die Politik spielte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit ab; die Entscheidungen fielen auf den Hintertreppen der Reichskanzlei und des Reichspräsidentenpalais, hinter den verschlossenen Türen der Wilhelmstraße und der Bendlerstraße. Zeitungen aber sind eine Sache der Öffentlichkeit. Sie leben von der Öffentlichkeit für die Öffentlichkeit. Die deutschen Zeitungen des Winters 1932/33 waren dieser Funktion bereits beraubt. Rings um sie herum war die öffentliche Meinung im Zerfall begriffen. Die Zeitungen standen isoliert. Aber wenn man ihnen auch nicht mehr zuhörte, waren sie doch nicht der Sprache beraubt.

„Die Not läßt sich nicht verbieten, aber die Presse läßt sich verbieten.“ Hitler verbot die Presse nicht. Er erpresste, kaufte und versklavte sie.

- Aus: Zeitungsstadt Berlin, erweitert und aktualisiert von Lutz Hachmeister u.a., in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Pressemuseum im Ullsteinhaus. 816 Seiten. Ullstein Verlag, Berlin 2017. 42 Euro.

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