Ein Auto am Abschlepphaken: Falschparken ist in Deutschland so billig wie in kaum einem anderen EU-Staat. Foto: Imago / Dieter Matthesp

App gegen Falschparker Teure Autos stehen besonders oft im Weg

Stefan Jacobs
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Neues vom "Straßensheriff": Aus den fast 8000 Meldungen der Handy-App "Wegeheld" geht hervor, dass Fahrer teurer Autos besonders oft illegal parken. An der Spitze der Rowdy-Liga: Land Rover, Jaguar und Porsche.

Wer ein teures Auto fährt, steht gern mal im Weg. Was bisher ein Bauchgefühl war, zeigen jetzt auch Zahlen: Knapp ein Jahr nach dem Start haben die Betreiber der Handy-App „Wegeheld“ – das ist die vorab als „Straßensheriff“ berühmt gewordene Aktion – die eingegangenen Meldungen ausgewertet. Bundesweit haben Anwohner und Verkehrsteilnehmer über die App bisher knapp 8000 Fälle an die Betreiber der Seite www.wegeheld.org gemailt, immerhin 1200 Mal aus Berlin und Umland.

Es geht um Falschparker, die illegal auf Fahrradstreifen, Gehwegen, Busspuren oder in Einfahrten stehen. Wegeheld-Initiator Heinrich Strößenreuther hat die dabei gemeldeten Automarken in Bezug zur Zahl der jeweils zugelassenen Fahrzeuge gesetzt – und das Fazit in die Bemerkung gegossen: „Je dicker das Auto, umso egoistischer das Verhalten.“

Suzuki als Marke der gesetzestreuesten Parker wurde mit dem Referenzwert 100 versehen. Die Mazdafahrer bringen es als zweitbeste auf 129 vor Hyundai mit 154. Es folgt ein breites Mittelfeld der Brot-und-Butter-Autos, dem sich die Rowdy-Liga anschließt: Land Rover hat einen Indexwert von 560. Das bedeutet, dass Fahrer dieser Geländewagen mehr als fünf Mal so oft als Falschparker auffielen wie Suzuki-Fahrer. Da Land Rover eine seltene Marke ist, basiert der unerfreuliche Spitzenplatz aber auf nur 25 Einzelfällen.

Rüpelhafte Smartfahrer: "Meiner passt immer"

Ähnlich dünn ist die Datenbasis beim Zweitschlechtesten: Jaguar (19 Fälle). Solider wird sie bei Porschefahrern, die mit 63 Fällen und einem Indexwert von 485 auf dem dritten Platz der Rowdys landen. Die fast ebenso rüpelhaft parkenden Smartfahrer passen nicht ins Schema der bösen Dicken, während mit Volvo wieder eine gehobene Marke folgt.

Bei Verkehrssündern besonders beliebt: der Bürgersteig als Parkplatz, wie unsere Grafik zeigt. Grafik: Tagesspiegel/Bartelp

Während sich die Rüpelquote bei den Smartfahrern küchenpsychologisch aus einer „Meiner-passt-immer“-Attitüde herleiten mag, wird es bei Peugeot mysteriös: Mit dem Indexwert 354 liegen die Franzosen noch vor Mercedes (347) und BMW (340). Ein Blick auf die Online- Landkarte liefert die Erklärung: Von bundesweit 282 Peugeot-Meldungen stammen 81 aus Kiel, die sich fast alle auf dasselbe Fahrzeug beziehen, das immer wieder an derselben Stelle falsch steht und dort denselben Wegeheld-Nutzer nervt.

Damit bestätigt sich punktuell, wovor Kritiker gewarnt hatten: Dass Querulanten andere anschwärzen. Für die Betroffenen dürfte das allerdings nicht allzu brisant sein, weil die ursprünglich geplante Idee, die Meldung direkt als Anzeige ans Ordnungsamt zu schicken, wegen rechtlicher Bedenken verworfen wurde. Jetzt können die Nutzer neben der Meldung für die Wegeheld-Seite eine formlose Mail ans Amt generieren. Gut jeder dritte Nutzer tue das, sagt Strößenreuther.

Eine "Petzer-Welle" ist ausgeblieben

Der 47-Jährige sagt, er habe bisher null juristischen Ärger bekommen. Trotz einzelner arg fleißiger Melder – auch in Berlin gibt es mehrere – sei die von Kritikern befürchtete „Petzer-Welle“ ausgeblieben.

Auch die Resonanz bei den Ordnungsämtern hält sich in Grenzen. Der Pankower Stadtrat Torsten Kühne (CDU), erklärter Unterstützer der Idee, teilt mit, die per App eingegangenen Bürgerhinweise würden so behandelt wie alle anderen. „Aufgrund der Personalausstattung ist keinesfalls eine sofortige Reaktion möglich.“ Aber die Meldungen würden in der Tourenplanung der Streifen berücksichtigt.

Das ist ganz im Sinne von Strößenreuther. Er will vor allem auf den Flächenkonflikt aufmerksam machen, den gut 50 Millionen Autos – davon 1,2 Millionen in Berlin – mit sich bringen. Mit Studenten der Best-Sabel-Hochschule hat er rund 200 Berliner Straßen vermessen und festgestellt, dass dem Radverkehr nur drei Prozent der Fläche zur Verfügung stehen. Für Autos sei der 19-fache Platz reserviert. „Als Radfahrer will ich, dass die Autos auf ihren Flächen bleiben und den anderen wenigstens das bisschen Platz lassen, das sie haben“, sagt Strößenreuther.

Die aktuelle Parkrowdy-Bilanz hat der frühere Bahn-Manager und Verkehrsexperte Strößenreuther gemeinsam mit dem Fachverband Fußverkehr (Fuss e.V.) und dem Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter herausgegeben – womit zugleich klar werden soll, wer unter der Rücksichtslosigkeit der Falschparker besonders leidet. Außerdem verschickt Strößenreuther die Info an Verkehrsbetriebe wie die BVG. Denn 26 Prozent der Vorfälle beträfen den öffentlichen Nahverkehr, weil beispielsweise Busspuren und Haltestellen zugeparkt würden.

Aus seiner Sicht ist angesichts der aktuellen Automarken-Statistik klarer denn je, dass die Strafen fürs Falschparken steigen und die Kontrollen verstärkt werden müssen. Die Geldstrafen für Parkverstöße seien im EU-weiten Schnitt vier Mal so hoch wie in Deutschland. Eine entsprechende Online-Petition an den Bundesverkehrsminister hat bisher gut 6000 Unterstützer. Anders gesagt: 114 000 fehlen noch.

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