Pappkameraden: So sah es am Eröffnungsabend in der Ausstellung aus. Foto: Johannes Drosdowski
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„Andere Heimaten“ in Berlin-Kreuzberg Ausstellung über Dealer spart sich das Thema Drogen

Johannes Drosdowski
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Verharmlosung von Kriminalität hatten Kritiker einer Schau über Drogenverkäufer vorgehalten. Nun kann jeder sie anschauen - Überraschungen eingeschlossen.

Höflich grüßen die zwei Türsteher am Dienstagabend die Museumsbesucher. Sie bewachen die Eröffnung der neuen Scott-Holmquist-Ausstellung „Andere Heimaten“ im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum. Das erste mal in seiner Geschichte hält das Museum Sicherheitspersonal für nötig.

Zu viele Wellen hatte die Ausstellung über Drogenverkäufer im Görlitzer Park geschlagen. So kritisierte der CDU-Abgeordnete Burkard Dregger bereits Wochen vor der Eröffnung die Ausstellung als „Verharmlosung von Kriminalität“.

Aus Sicht der Ausstellungsmacher „besonders erschreckend“ seien jedoch Reaktionen in den sozialen Medien gewesen, sagt Wayra Schübel, die Sprecherin des Studios von Künstler Scott Holmquist. Unter einem Facebook-Post der AfD-Politikerin Alice Weidel sei es zu einer „Welle des Zorns“ gekommen.

Andere Heimaten: Ein Detail der Ausstellung. Foto: Johannes Drosdowski
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Wolfgang Lenk, Grünen-Bezirksverordneter in Friedrichshain Kreuzberg, war am Dienstagabend einer von rund 200 Gästen, die sich nun ein eigenes Bild von der Ausstellung machten. „Der Grundgedanke der Ausstellung ist sehr gut, weil sie den Menschen im Bezirk ermöglicht, die Lebenswege der Drogenhändler kennenzulernen und zu verstehen“, sagt Lenk. Zu bedenken gibt er, dass Verstehen jedoch nicht Bewerten bedeute. Auch Umstände und Dinge, die man ablehnt, könne man ausstellen.

Drogenhandel wird nicht thematisiert

Im Zentrum der Ausstellung stehen 13 Pappsilhouetten von Menschen. In ihren bauchigen Oberkörpern hängt der Kern der Ausstellung, die Heimat des jeweils dargestellten Dealers: Ortschaften und Städte aus Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, Gambia, dem Senegal und Mali. Satellitenbilder und Fotografien aus dem Alltagsleben führen die Betrachter auf Felder, in Autowerkstätten und in Hinterhöfe. Zusätzliche Texte informieren über Straßenbau, Architektur, Vegetation und Klima.

Drogenhandel wird nicht thematisiert. Ebenso wenig die persönliche Geschichte der Händler. Einzig ihre Heimat und ihr Weg in den Görlitzer Park, festgehalten auf gekippten Karten. Oben liegt nicht mehr der Norden, sondern der Westen. Die Perspektive von Migration und Heimat gerät mit der Kartografie ins Schwanken.

An der Wand spiegelt ein Medienarchiv die öffentliche Diskussion übers Dealen. An anderer Stelle lassen sich über Computer die Heimaten der Drogenhändler touristisch erlesen; Hotel- und Restaurantbewertungen werden umrahmt von (Un-)Sicherheitshinweisen für die Regionen.

Alte und junge Menschen betrachten die Exponate, Menschen jeder Herkunft. Sie unterhalten sich nicht über den guten oder bösen Dealer. Sie diskutieren über Heimat, Migration und Unterschiede. Für den Besucher Mohamed S. ist das der wichtigste Aspekt der Ausstellung. „Wir müssen alle zusammenkommen und nicht kämpfen“, erklärt er. „Hier passiert das jetzt.“

Weitere Informationen zur Ausstellung auf der Website des Museums.

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