Gegen den Hunger. Studentin Madeleine Hahnle (27, li.) half am Freitag unter Anleitung einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin im Lebensmittel- und Kleiderladen des Vereins „Berliner Engel für Bedürftige“ am S-Bahnhof Lichtenberg aus. Foto: Agnieszka Budek
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Aktionstag "Gemeinsame Sache" Einsatz in allen Ecken

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Heute geht die "Gemeinsame Sache" weiter. Schon gestern wurde in ganz Berlin aufgeräumt, geputzt, geholfen. Reportage aus einer hilfsbereiten Stadt.

Ganz schön kippelig. Hans Wirth (66) balanciert Freitagfrüh im fünften Stock eines Treppenhauses im Märkischen Viertel erstmals in seinem Leben einen Rollstuhl über mehrere Stufen hinab.

Ganz schön krass. Antonio und Chantal, Achtklässler des Charlottenburger Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasiums, wundern sich um die selbe Zeit im Volkspark Jungfernheide, was man dort als Müllsucher so alles findet: Schallplatten, Vergaserteile zum Beispiel.

Ganz schön hilfreich. Madeleine Hahnle (27) packt unterdessen im Lebensmittelladen der „Berliner Engel für Bedürftige“ in Lichtenberg mit an.

Und ganz schön nass. Nicht weit davon zieht die Au-pair-Französin Suzanne am Rummelsburger See bei einer Clean up-Regatta im Kajak jede Menge Plastiktüten und Styropor aus dem Wasser.

Rund 160 Initiativen beteiligten sich am Freitag

Alle Fünf haben kaum Erfahrung als ehrenamtliche Helfer. Aber am Freitag bringen sie sich beim ersten von zwei Aktionstagen zur „Gemeinsamen Sache“ engagiert fürs soziale Hilfsnetz und die Schönheit Berlins ein. Rund 160 Initiativen beteiligten sich am Freitag mit ebenso vielen Aktionen an der Initiative des Tagesspiegels und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Und am heutigen Sonnabend geht es mit gut hundert Projekten weiter. Es ist eine beeindruckende Demonstration aktiven Bürgersinns. Sie soll noch mehr Berlinern Mut machen, sich freiwillig um ihre Kieze und ihr Gemeinwesen zu kümmern.

Erste Station: „Mobilitätsdienst“ des Union Hilfswerks

Unsere kleine Reise am Freitag zu vier Stationen des ersten Aktionstages beginnt um 9 Uhr beim „Mobilitätsdienst“ des Union Hilfswerks in einem Hochhaus am Wilhelmsruher Damm im Märkischen Viertel. Fünf Interessenten sind schon da, darunter Hans Wirth, pensionierter Naturwissenschaftler, den nach einem „schönen, begüterten Berufsleben“ der Wunsch beseelt, „anderen Menschen ehrenamtlich zu helfen“. Nun nimmt er hier am Rollstuhl-Training teil. Er will lernen, wie man bewegungseingeschränkte Menschen sorgsam und kräfteschonend durch die Stadt bugsiert.

Versuch Nummer eins: Vorsichtig zur Kante vorschieben

Ein Mobilitätshelfer führt die Gruppe ins Treppenhaus. Um Höhen ohne Lift zu überwinden, gibt’s ein spezielles Zusatzgerät. Rasch ist es am Rollstuhl montiert, dann folgt Versuch Nummer eins: Vorsichtig zur Kante vorschieben, Hans Wirth drückt die Taste „Treppe abwärts“, das Gerät fährt zwei zusätzliche Stützräder aus, doch plötzlich gerät der Stuhl ins Kippen. „Na ja, saß ja noch niemand drin“, beruhigen ihn die Lehrer.

Und dann ist Christina Schmerbach dran. Die 70-Jährige aus Reinickendorf betreut ehrenamtlich zwei 96- und 97-jährige Seniorinnen. Bei ihr klappt’s recht gut – auch später, als die Gruppe am Wilhelmsruher Damm übt und eine Bürgersteigkante nach der anderen überwindet.

„Man muss sich klarmachen, wie wichtig solche Rollstuhlhilfen für viele Senioren sind“, sagt Ursula Illies vom Union Hilfswerk. „Oft sind es nur kleine Wünsche, die man so erfüllt: Mal ein bisschen shoppen, frische Luft schnuppern, endlich wieder ’ne Currywurst essen.“

Nächste Station: Volkspark Jungfernheide

Nächste Station, 11 Uhr am Volkspark Jungfernheide. Gut achtzig Mädchen und Jungen der achten Klassen des Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasiums haben auf einem Parkplatz am Jungfernheideweg einen kapitalen Müllberg aufgehäuft. Die Jeans sind schmutzig, die Schuhe lehmig, aber die Motivation ist groß.

Guter Job. Die Schüler des Charlottenburger Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasiums sammelten diesen Müllberg im Volkspark Jungfernheide. Foto: Christoph Stollowsky
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Seit neun Uhr früh durchstreiften sie mit ihren Lehrern den Park, krochen unter Büsche, scannten mit Adleraugen die weiten Wiesen ab. Für diesen Job hatte sie die BSR bestens ausgerüstet – mit Handschuhen und Greifzangen. „Hat sich gelohnt, sollten wir mal wieder machen“, rufen Antonio und Chantal, beide 13, und schleppen noch schnell einen versifften Teppich ran. „Wahnsinn, was manche Leute einfach wegkippen!“

Ausgemusterte Ware aus den Supermärkten

13 Uhr, Hochbetrieb im Lebensmittel- und Kleiderladen des Vereins „Berliner Engel für Bedürftige e.V.“ am S-Bahnhof Lichtenberg. Wer nachweist, dass er als Hartz IV-Empfänger oder Rentner über nicht mehr als 1100 Euro monatlich verfügt, kann sich hier für wenig Geld mit Essen, gebrauchter Kleidung oder Möbelstücken versorgen. Die Lebensmittel holt das Team als ausgemusterte Ware in Supermärkten ab. „Sie sind aber noch bestens erhalten“, sagt Helfer Peter Gnädig.

Er selbst ist schon länger dabei, doch am Freitag begrüßt er etliche Gäste, die probeweise für einen Tag auch mal Engel sein wollen. Zum Beispiel Christian Krabs, 63, aus Lichtenberg. Gerade erst pensioniert, ist der frühere Versicherungsvertreter nun auf der Suche nach einem Ehrenamt, das ihm Spaß macht. Krabs, ein kräftiger Mann, schaut sich lebhaft um. Er will „nicht auf der Couch sitzen“, er will noch gebraucht werden. „Wer anderen hilft, tut sich selbst was Gutes“, sagt Krabs. Am Freitag hat er schon mal gut zu tun, begleitet Touren zu Supermärkten, beliefert den Laden.

„Welcome – Herzlich Willkommen“

Unterdessen verkauft und berät Madeleine Hahnle im Laden an der Frankfurter Allee 268. Es ist ihre Premiere im Ehrenamt. In Eberswalde will sie demnächst ein Studium zur „nachhaltigen Wirtschaftsführung“ beginnen. Aber jetzt bewundert Madeleine erst mal die „perfekte Organisation“ der Berliner Engel und deren „gewinnende Art“. Das beginnt schon am Spruchband über der Ladentür. „Welcome – Herzlich Willkommen“ steht darauf. Und es setzt sich drinnen in den liebevoll sortierten Regalen und Kühltruhen fort. Fünf Schokotafeln kosten einen Euro, 20 Cent die Gurke. Madeleine ist so begeistert, dass sie kurz mal in ihre Wohnung um die Ecke zurückläuft und ausgemusterte Klamotten holt. T-Shirts, Jeans, „alles noch gut erhalten“. Akkurat gefaltet liegen sie nun in der Kleiderabteilung.

Müllsucherin im Rummelsburger See. Auch eine Wasserspritzpistole und etliche Plastikteile hat diese junge Helferin gefunden. Foto: promo
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14.15 Uhr an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg. Französin Suzanne, Au-pair bei einer Familie auf Stralau, ist schon draußen auf dem Wasser, um bei der Clean up-Regatta des Ahoi-Kajakverleihs Müll einzusammeln, der im See dümpelt. Soeben paddelt eine Großmutter mit ihrer 18-jährigen Enkelin zum gleichen Zweck los. Und auch zwei junge spanische Touristen machen sich startklar. Warum nicht mal beim Städte-Trip Plastikflaschen oder alte Radreifen auffischen? Am Ponton stapeln sich schon die Müllsäcke. Terriermix Loki hockt davor. Auch das „Ahoi“- Maskottchen hat bei der Gemeinsamen Sache eine wichtige Aufgabe – als Wachhund.

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