Mehr als 190 Nationen leben zwischen Reinickendorf und Köpenick. Grafik: Fabian Bartel
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Acht Tage, acht Länder Eine Weltreise durch Berlin

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Sie hat gekämpft, gebetet, geschwitzt und gekocht. Unsere Autorin wollte den Globus erkunden – innerhalb der Stadtgrenzen. Und hat dabei Menschen getroffen, die ihre Heimat einfach mitgebracht haben. Journal einer Berlinreise.

1. Tag, Finnland: Schwitzen mit Bier

Reisezeit ab Seestraße: 25 Minuten (U-Bahn)
Finnen in Berlin: 2979
Die meisten wohnen in: Charlottenburg-Wilmersdorf

War einfacher, als ich dachte. Aus Berlin wegzukommen dauert nicht so lange. Um genau zu sein 25 Minuten. Ich starte in meinem Heimatkiez in Wedding. Mit der U-Bahn von der Seestraße zum Mehringdamm. Dort steige ich um in die U7 und fahre zur Gneisenaustraße. Rechts in die Schleiermacherstraße, da befindet sich ein Stück Finnland mitten in der Stadt. Es ist der erste Stopp meiner Reise. Mehr als 190 Nationen leben in Berlin. Einige kaum sichtbar, andere prägen so selbstverständlich das Stadtbild, dass sie gar nicht mehr besonders auffallen. Ich will einmal um die Welt. In acht Tagen.

Tag eins führt mich ins Suomi Keskus, das Finnlandhaus. Über die Treppe gelange ich in ein schummriges Zimmer im zweiten Stock, das zweimal im Monat als Ruheraum für die Sauna dient, im Kamin flackert ein Feuer. Wie vor jeder großen Reise habe ich mich schlaugemacht und weiß daher, dass bei den Finnen zwei eiserne Regeln gelten. Erstens: Es gibt keine Regeln. Zweitens: Frauen und Männer saunieren getrennt!

Finnen in Berlin, lerne ich hier schnell, sind finnischer als Finnen in Finnland: Sie richten ihre Häuser mit finnischem Designgeschirr und Textilien ein, glucken beim Stricken und Volkstanz zusammen. Das Herzstück des Zentrums ist die Sauna. In Berlin mangelt es zwar nicht an Saunen, trotzdem sind die Finnen auf die in ihrem Heimatzentrum angewiesen. Denn ihre Auffassung von Sauna ist … anders.

Finnen in Berlin sind immer noch etwas finnischer als Finnen in Finnland. Und zeigen das auch. Foto: Nantke Garrelts
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Während ich die fläzenden Saunagäste beobachte, fällt mir auf, dass auch die Finnen „Hygge“ können. „Hygge“ ist ein dänischer Begriff, der so viel bedeutet wie Gemütlichkeit, eine herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens genießt. In Dänemark ist ein ganz und gar unhyggeliger Hype um diesen Begriff ausgebrochen. Es gibt Bücher und Magazine, die besonders angestrengt den Hygge-Lifestyle propagieren. Die Finnen, so scheint mir, leben ihn einfach. Sie machen nur nicht so einen Aufstand darum.

Mit dem Handtuch wedelnden Saunameistern und Bleibezwang während des Aufgusses können sie nichts anfangen. Dafür werden hier Freundschaften mit Menschen geschlossen, die man nur nackt oder im Bademantel trifft. Verwirrend wird es, wenn diese Bekannten dann irgendwann in Straßenkleidung vor einem stehen, erklärt mir eine Frau, die Saana heißt und die Kassenwartin des Zentrums ist. Von Saana lerne ich auch: Wer am nächsten am Wassereimer sitzt, ist zuständig für die „löyly“. Das Wort bezieht sich auf das Wasser, das man mit einer Kelle auf den Steinen im Saunaofen verteilt, als auch auf den Dampf. Man merkt schnell, wer echter Finne ist und wer nicht. Die Finnen glauben zum Beispiel nicht an das deutsche Gebot „Kein Schweiß aufs Holz“. Und sie geben nicht vor, dass es ihnen um Gesundheit ginge. Saana öffnet sich ihr zweites Saunabier und bringt mir noch ein weiteres Wort bei: „Kippis“ ist Finnisch für „Prost“. Es kommt vom deutschen „Kipp es!“.

2. Tag, Russland: Beten für's Wochenende

Reisezeit ab Finnland: 23 Minuten mit dem Fahrrad
Russen in Berlin: 54 396
Die meisten wohnen in: Marzahn-Hellersdorf

Langsam beginne ich, die regellosen Finnen zu vermissen. Die Russen haben so viele Vorschriften! Zumindest die, die ich an Tag zwei meiner Reise in der Synagoge in der Joachimsthaler Straße in Charlottenburg treffe. Keine Aufzeichnungen nach Anbruch des Schabbat, denn das gilt als Arbeit und die ist bei den orthodoxen Juden an ihrem Feiertag verboten. Auch keine Fotos oder Notizen, das hat mir Anastassia, eine 31-jährige Russin, vorher eingeschärft. Mit dem Bild vom Innenraum der Synagoge muss ich mich also beeilen, denn es ist 15.50 Uhr, noch zehn Minuten bis zum Sonnenuntergang. Außerdem kommt gerade der Rabbi herein, deswegen wird Anastassia nervös. Sie ist orthodox, das heißt, sie trägt nur Kleider, hält alle Schabbat-Regeln ein und muss sich deswegen ebenfalls beeilen: Sie zerstampft Limetten und Rohrzucker in einem Plastikbottich, die später zu Caipirinha verarbeitet werden sollen. Nach dem Freitagsgebet hat sie einen „Cocktail-Schabbat“ organisiert, bei dem es um die Frage gehen soll, ob man am Feiertag Cocktails machen darf. Die Antwort muss wohl ja sein.

Sie schunkeln, singen aus voller Kehle

Von der Eile rundum etwas angespannt gehe ich in den hinteren Teil des Hauptraums, wo die Frauen sitzen. Was mich überrascht: Orthodox bedeutet mitnichten ernst. Jeder protestantische Gottesdienst ist durchchoreografierter als diese Andacht. Vorne leiert der Vorbeter die Verse auf Hebräisch herunter, währenddessen gehen Gemeindemitglieder herum, schütteln sich die Hände, reden miteinander. Nachdem sie zum Gebet etwas hin und her gewippt und die ersten Verse rezitiert sind, ändert sich die Stimmung: Die Männer kommen zu einem Kreis zusammen, fassen sich an den Schultern, schunkeln. Nach fünf Minuten tanzen sie, singen aus voller Kehle. Was für eine schöne Art, ins Wochenende zu starten.

Bei den russischstämmigen Juden scheint die Faszination für das Judentum eine Generation übersprungen zu haben: Anastassias Eltern hätten ihre Religion kaum gelebt, sagt sie, denn in der Sowjetunion war Religiosität verpönt.

Neben der Synagoge in „Moses’ Bagelladen“ treffe ich Greta. Die ist so jüdisch, wie ich protestantisch bin. Sie ist fasziniert von der Kultur und der Geschichte. Gläubig ist sie nicht. Sie schaut später beim Kiddusch, dem traditionellen Abendessen, auf ihr Handy, beantwortet auch mal eine Nachricht. Sie erzählt mir, dass ihre Eltern immer noch Russisch sprechen, wie 90 Prozent der jüdischen Community in Berlin. Bei Greta und den anderen ihrer Generation ist es aber längst nicht mehr so offensichtlich, woher sie kommt. In der Synagoge zeugen Schilder auf Russisch von der Herkunft der Gemeindemitglieder, die älteren Besucher begrüßen sich in ihrer Muttersprache. Eigentlich, erfahre ich, wohnen die meisten russischstämmigen Berliner in Marzahn-Hellersdorf. Die jüdischen Einwanderer aus Russland zieht es aber nach Charlottenburg. Die Supermärkte sind einfach besser.

Tag 3, Japan: Pure Harmonie beim Tee

Reisezeit ab Russland: 7 Minuten (E-Roller)
Japaner in Berlin: 4681
Die meisten wohnen in: Mitte

Steril, schlicht, aufgeräumt – so habe ich mir Japan immer vorgestellt. Und genau so sieht es bei Herrn Komine in der Küche seines Cafés in der Welserstraße in Schöneberg aus. Am dritten Tag meiner Reise duftet es nach Mango und Maracuja. Die leuchtend orangefarbene Creme macht der Patissier aus frischen Früchten und füllt Törtchen damit. Die Kombination ist mittlerweile so beliebt, dass er auch einen Brotaufstrich daraus kreiert hat.

Herr Komine führt eine japanische Bäckerei in Charlottenburg, die so heißt wie er und in der es allerlei französisches Gebäck gibt. Japaner seien westlicher, als man glaube. Viele Japaner zögen nach Berlin, um den westlichen Lebensstil und die Kultur direkt zu erleben – weit weg von den Konventionen ihres Heimatlands. Zumindest haben mir das Japaner und Japanexperten vor meinem Besuch erzählt. Wer beim Stichwort Japan nur an Teezeremonien und kunstvoll angelegte Gärten denkt, liegt falsch.

Den Japanern wiederum fallen zu Deutschland auch ein paar Klischees ein. Und wenn sie an deutschen Kuchen denken, vor allem die Adjektive „groß“ und „braun“.

Weniger ist mehr: Als ulkig empfinden viele Japaner die Essgewohnheiten der Deutschen. Foto: Nantke Garrelts
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Bei Herrn Komine liegen dagegen Eclairs mit Matchakruste in der Auslage, und ich weiß, dass hier ein Künstler am Werk war. Tatsächlich ist Herr Komine nach Berlin gekommen, um Cello zu studieren, und er arbeitete zunächst als Musiker. Viele Japaner, erzählt er, kämen her, um zu studieren. Aber weil er als Kind schon gern Kuchen gegessen hatte, lernte er schließlich das Backen an der französischen Gastronomieschule in Tokio. Die den Japanern oft nachgesagte Zurückhaltung hat er, wenn es sie gab, gänzlich abgelegt. Er lächelt viel, vor allem, wenn er davon erzählt, wie schlecht und billig deutsches Essen im Vergleich zum japanischen ist. Mettwurst fand er immer besonders lustig. Mittlerweile mag er sie. Sogar Eisbein schreckt ihn nicht mehr ab.

Während ich ihm zuhöre, fällt mir auf, dass ich die Kritik am billigen deutschen Essen auf meiner Weltreise schon einmal zu hören bekommen habe. Und als ich schließlich in das Eclair beiße, bin ich fast so weit, mich der Kritik anzuschließen. Die Schokoladencreme balanciert sich mit der Matchacreme aus, süß trifft herb und heiß trifft kalt, als ich den grünen Tee hinterherspüle. Das Teegedeck ist pure Harmonie, die Ostfriesin in mir macht Luftsprünge: Die Teeschale steht auf einem roten Deckchen mit Blütendruck, der herbe Senchatee neben einer Miniaturkaraffe mit Wasser und Minzblättchen, dazu ein winziges Glas. Ich werde nie wieder Kaffee aus Pappbechern und überdimensionale Streuselschnecken im Vorbeigehen verzehren!

Japaner und Deutsche besuchen das Lokal, mehrmals muss Herr Komine Gäste abweisen, so klein ist sein Café. Meine Lektion aus diesem Besuch: Weniger ist mehr.

4. Tag, Vereinigte Staaten: Love hurts

Reisezeit ab Japan: 14 Minuten (U-Bahn)
Amerikaner in Berlin: 26 935
Die meisten wohnen in: Steglitz-Zehlendorf

Das fängt ja gut an: Vor der gesamten Gemeinde soll ich mich vorstellen! Ich bin in der American Church am Dennewitzplatz in Schöneberg angekommen. Vorstellungsrunden sind für mich die Hölle, aber die Atmosphäre ist locker. Und vor mir tritt ein vielleicht zwölfjähriger Junge ans Mikrofon, weil er heute Kürbissuppe verkaufen will, um damit Geld für die Renovierung des Kindergartens zu sammeln. Dann kann ich das auch.

Als ich fertig bin, sagt der Pastor „Good to see ya!“ und zwinkert mir zu. Dann fängt die Gitarristin an zu spielen und die Kinder singen das Schlaflied „I just wanna be a sheep“. Sie blöken „bee, bee, bee, bee“.

Alle Vorurteile, die ich von US-Amerikanern hatte, werden hier bestätigt. Sie sind offen. Sie heißen jeden willkommen. Und am Ende bin ich sowohl zum Chor, zum nächsten Gottesdienst als auch zu einem Thanksgiving-Lunch eingeladen. Merkwürdigerweise betet man hier allerdings nicht nur auf Englisch das Vaterunser sondern auch auf Kiswahili. Das liegt daran, dass auch ein deutsch-kenianisches Pärchen zur Gemeinde gehört. Kürzlich wurde auch ein ghanaischer Flüchtling hier getauft, erzählt mir der Pastor.

Ich kaufe dem Jungen eine Kürbissuppe ab und komme mit Karin von Rosen ins Gespräch. Die Amerikanerin ist seit 25 Jahren in Berlin und scheint überall gleichzeitig mitzumischen: Kirchenvorstandsvorsitzende, Kindergottesdienstleiterin, Chormitglied, zwischen den Gottesdiensten hält sie die Bandmitglieder auf dem Laufenden, wo die restlichen Bandmitglieder stecken, wann die Probe beginnt, welche Lieder gesungen werden sollen.

Unsere Aufgabe: gute Nachbarn sein

Früher war die Gemeinde eine kleine, glückliche Expat-Gruppe in Zehlendorf. Dann zog sie um an die Schnittstelle zwischen Mitte, Schöneberg und Kreuzberg. Angestellte des Militärs, Journalisten und Musiker besuchten die Gemeinde. Das amerikanische Militär betrieb bis 1994 eine eigene anglikanische Kirche im Westend, die bis heute existiert. In der American Church ist man ökumenisch eingestellt und ich treffe hier sowohl Afroamerikaner als auch einen deutschen Auswanderer, der jetzt eigentlich in Boston lebt. Und wenn Karin über ihre Kirche redet, in dieser gefühligen, sehr verbindlichen Art, spürt man schon, dass dies hier eine andere Welt ist. Liebe sei Gesetz, wir seien berufen und unsere Aufgabe: gute Nachbarn sein. Karin kümmert sich deswegen auch noch ehrenamtlich um Prostituierte und arbeitet mit dem Quartiersmanagement in ihrem Kiez zusammen.

Karin findet, Berlin sei ein bisschen wie New York. „Street smart but not street dirty.“ Das sehe ich ein bisschen anders. Aber, dass die Amerikaner sich hier gerne treffen, kann ich verstehen. Die aufgesetzte Freundlichkeit ist mir zu übertrieben. Zum zweiten Gottesdienst bleibe ich trotzdem.

5. Tag, Kolumbien: Finger weg von Latinos

Reisezeit ab USA: 17 Minuten (Gewaltmarsch)
Kolumbianer in Berlin: 3271
Die meisten wohnen in: Charlottenburg-Wilmersdorf

Es ist früh am Nachmittag, eigentlich Siestazeit, aber mir ist mehr nach Fiesta zumute. Ich bin im „Tierra Colombiana“, also auf der „kolumbianischen Erde“, angekommen. Wer Kolumbianer richtig kennenlernen will, muss mit ihnen tanzen oder kochen. Esther Aguirre, 57 Jahre alt, der das Kreuzberger Lokal in der Mittenwalder Straße gehört, hat aber überhaupt keine Zeit für ein Tänzchen, in zwei Stunden wird geöffnet und vorher müssen noch etliche Eintöpfe und Salate fertig werden. Also raspeln wir zwischen großen Körben mit Kochbananen und Avocados gemeinsam Möhren und sie erzählt, warum man von kolumbianischen Männern lieber die Finger lassen sollte. Sie selbst hat sich einen Deutschen gesucht. Der sei immer wieder in ihren Jeansladen in Manizales gekommen und irgendwann, Anfang der 90er, sei sie ihm verfallen. Da ging es ihr wie so vielen kolumbianischen Frauen mit deutschen Männern. Denn: Die Deutschen sind viel emanzipierter und ehrlicher, lassen ihren Frauen mehr Freiheiten und würden sie nicht ständig betrügen. Der „hombre latino“ dagegen, erklärt mir eine etwas verbitterte Esther, vergnüge sich nebenbei mit einer Freundin, während die Frau zu Hause Arepas backe. Tagein, tagaus.

Wie gute Ehefrauen backen wir also auch Arepas, aber nicht für einen Mann, sondern für uns selber. Esther knetet Maismehl und Wasser, fügt etwas Margarine hinzu. Eine Kugel rollen, plattdrücken, dann mit einer Hand den Rand stützen, während die Finger der anderen nach und nach den Fladen dünner machen und dabei drehen. Mir franst dabei regelmäßig der Rand aus. Dann wird der Fladen auf einer Eisenpfanne auf dem Gasherd gebacken, dazu essen wir später Rührei und trinken Schokolade.

Esther Aguirre kocht im "Tierra Colombiana" für Landsleute, die von Heimweh befallen sind. Foto: Nantke Garrelts
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Ich habe noch nie etwas Vergleichbares getrunken, noch nie so intensive heiße Schokolade gekostet. Esther löst zuerst Stücke von unraffiniertem Zucker in heißem Wasser auf, dann kommt hochprozentige Schokolade rein. Auf die gleiche Weise macht sie Kaffee, der wirklich „para el alma“, also „für die Seele“ ist. Mit Supermarktkaffee hat die starke schwarze Flüssigkeit nichts zu tun. Genauso wenig wie die Suppe, für die ich mein Vegetariertum über Bord werfe, so überwältigend gut duftet die gelbe Brühe, die aus mehr Fett als Wasser zu bestehen scheint. Dazu gibt man Yamswurzel und Kochbanane. Neben Hühnerfett sei das seit Jahrhunderten der Treibstoff für die schwer arbeitenden Hochlandbauern.

Esthers Gäste sind oft deutsche Austauschstudenten, die Kolumbien vermissen und auf der Suche sind nach etwas Authentizität und Produkten, die es sonst hier nicht gibt: Backmischung für buñuelos, ein typisches Weihnachtsgebäck, Maismehl für Arepas, dazu die spezielle Arepaspfanne, die aussieht wie eine dünne Eisenscheibe mit Löchern und Griff. Die Sehnsucht würde auch mich befallen, da ist Esther sich sicher: Bisher hat sich noch jeder in Kolumbien verliebt und wollte unbedingt wieder zurück. Das liegt an den weißen Stränden, der entspannten Art der Menschen und nicht zuletzt an der tropisch geprägten Küche.

Sehr vegetarierfreundlich ist die kolumbianische Küche nicht, aber Esther hat ihr Menü den Kreuzberger Gegebenheiten angepasst. In ihren ersten Jahren in Deutschland aß sie selbst kein Fleisch, das hatte aber mit der Qualität zu tun. Gutes Fleisch vermisst sie, ebenso reife Avocados und all die Früchte auf dem Plakat an der Wand. Ich kenne nicht einmal die Hälfte davon. Wenn ich doch nur die Zeit und das Magenvolumen hätte, zu bleiben.

6. Tag, Brasilien: Capoeira sein

Reisezeit ab Kolumbien: 16 Minuten (Car 2 Go)
Brasilianer in Berlin: 8217
Die meisten wohnen in: Mitte

Gehwegplatten, verputzte Häuserwände und eine unscheinbare Pforte in der Möckernstraße führen mich nach Brasilien. Im Innenhof: eine Fachwerkfassade, ein Tierkopf über der Tür, man glaubt schon die Trommeln zum Voodoo-Ritual aufspielen zu hören. Fakt ist: Hier im Forum-Brasil finden regelmäßig Candomblé-Treffen statt, es wird zu lauter Musik getanzt und geweihräuchert. Anfangs riefen die Nachbarn noch die Polizei, jetzt sind die Zusammenkünfte ganz offiziell angemeldet und alle wissen: Heute ist Ritual bei Herrn Soares, da wird es etwas lauter. Voodoo findet hier nicht statt, das versichert mir zumindest der Hohepriester. Murah Soares lacht gerne und laut, weint gespielt, als ich zugebe, von seiner Religion nie gehört zu haben, und zieht mich am Arm zu den Bildern vom Karneval der Kulturen. So kannte ich jahrelang die brasilianische Community in Berlin: in bunten Kostümen und mit Trommeln. Das jährliche Spektakel haben einige Brasilianer ja mitgegründet, mittlerweile hat sich die Community ein bisschen zurückgezogen.

In der Wohnküche neben dem großen Tanzsaal treffe ich Valdir. Er ist Künstler, der jahrelang Kostüme für den Karneval gestaltet hat und gerade Muscheln auf den Rock einer kleinen Statue klebt. Neben ihm sitzt eine ältere deutsche Frau und doziert über den Sklavenhandel zwischen Afrika und Südamerika.

Im Forum-Brasil singen die Könner und Anfänger am Schluss gemeinsam. Foto: Nantke Garrelts
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Im Tanzsaal üben ein paar Kinder Capoeira. Am Rand sitzt David Prado, ein Brasilianer, der mir erzählt, dass er sich von brasilianischen Events und Restaurants vorzugsweise fernhält. Viel zu abgeschmackt. Nur zum Capoeira, einer Mischung aus Kampfsport und Tanz, geht er mit seiner Tochter Heloisa regelmäßig. Denn „Capoeira sein“ gehöre zur Kultur. Ganz verstehe ich nicht, was er mir damit sagen will. Aber ich darf mitmachen.

Thiago, der Capoeira-Coach, zeigt uns zum Aufwärmen den Grundschritt: Rückwärts, seitwärts, rückwärts, dazu die Arme schwingen. Die spektakulären Kombinationen aus Rundumtritten, bücken und Handständen, die die anderen Teilnehmer in Zweikämpfen nutzen, flößen mir erst einmal Respekt ein. Mit einem anderen Neuling übe ich einfachere Kombinationen und zum Schluss schaffen wir sogar eine kleine Performance inklusive Rückwärts-Roundhouse-Kick. Zwischendurch gibt’s immer wieder Gesänge auf Portugiesisch, zu Trommelmusik – da sind sie wieder – und einem Saiteninstrument, das aussieht wie ein Bogen mit Kalabasse. Vom Lied verstehe ich nur irgendwas mit „Ochse“ und „Morgengrauen“. In der abschließenden Runde sitzen wir im Kreis und singen. Wer mag, kann in der Mitte – was eigentlich? Kämpfen? Tanzen?

So langsam verstehe ich, was das heißt, „Capoeira sein“. Man schaut sich in die Augen, wagt etwas Neues, singt gemeinsam, versteht sich trotz Sprachbarriere, fordert einander heraus. Am Ende jedenfalls steht eine verschwitzte Umarmung.

7. Tag, Palästina: Ich möchte, dass du mich begräbst

Reisezeit ab Mitte: 23 Minuten (Fahrrad)
Palästinenser in Berlin: nicht erfasst
Die meisten wohnen in: nicht erfasst

Es ist nicht so, als würde man den palästinensischen Teil der Stadt direkt erkennen. Das mag daran liegen, dass die Palästinenser in Berlin vor allem das zelebrieren, was ihnen in der Heimat fehlt: die Freiheit zu reisen, zu feiern, sich ausleben zu können. Deswegen fällt auch das Café „Bulbul“ zwischen den hippen Bars am Görlitzer Park nicht weiter auf. Nur den israelischen Nachbarn dürfte der Laden ins Auge stechen, denn „Bulbul“ bedeutet im Hebräischen „Penis“; der Gründer, Nidal Bulbul, ist aber Palästinenser und sein Name im Arabischen völlig unverfänglich.

Drinnen ziert Kalligrafie die Wände. Tagesgericht ist heute ein ägyptisches Arme-Leute-Gericht: Koshari. Makkaroni, Reis, Linsen, die in Tomatensoße ertränkt werden. Der Koch ist Syrer, die Gäste libanesisch – die versammelte arabische Diaspora.

Ein junger Mann bittet mich, ihm einen Roman aus der Bücherkiste zu reichen, und neben mir werden deutsche Verben dekliniert. Am Nebentisch diskutiert eine Gruppe Jugendlicher, einer davon trägt einen Pullover der österreichischen Band Freiwild, die mit ihren völkischen Texten in der rechten Szene beliebt ist. Mit einer Sozialarbeiterin und den übrigen Gruppenmitgliedern streitet er über die Entstehung von Extremismus.

Ich lerne Rasha kennen, die sich als neue Generation von Palästinensern in Berlin versteht. Mit dem Besitzer, Nidal Bulbul, ist sie befreundet. Er stammt aus dem Gazastreifen. Er verlor sein Bein bei einer Schießerei, die Kugeln zerfetzten ihm den Unterschenkel. Trotzdem arbeitete er als Journalist weiter, ging für ein Praktikum nach Deutschland und durfte nicht wieder in sein Heimatland einreisen. Mittlerweile hat er den deutschen Pass.

Die Kalligrafie erzählt von Liebe. Foto: Nantke Garrelts
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Sein Café ist für Rasha und einige andere Gäste längst mehr als nur ein Café. Eher eine wahr gewordene Utopie. Ein Gegenentwurf zu Hass und Gewalt, die in ihren Heimatländern toben. Was in Nahost durch Grenzen und Krieg unmöglich ist, ist hier ganz leicht. Sie kann mit ägyptischen Freunden Kaffee trinken und den syrischen Hallo sagen. Über 30 ist hier kaum jemand. Das Bulbul ist ein Anlaufpunkt für Neuankömmlinge aus dem arabischen Raum geworden, ein Netzwerk. Blogger, Theatermacher und Schriftsteller kommen her, um sich ein Stück Heimat zu bewahren, erzählt mir Rasha. Sie sprechen ihre Sprache, essen heimische Gerichte. Eine Verschnaufpause vom Kulturschock.

Für ein Stipendium kam sie nach Deutschland, lebte in einem Herrenhaus bei Stuttgart. In der friedlichen Umgebung und im Austausch mit Journalisten aus anderen Ländern merkte sie, dass sie sich genau danach sehnte: ständig im Austausch mit anderen Expats stehen, reisen dürfen, keine Angst vor Anschlägen und Verfolgung haben müssen. Deshalb kam sie nach Deutschland, Berlin war die offensichtliche Wahl, weil hier schon Freunde wohnten.

Man möchte Rasha stundenlang zuhören, wenn sie Geschichten erzählt. Geschichten von Freunden, die über weite Entfernungen, über Blogs und Facebook, kommunizieren mussten und die hier in Berlin endlich zueinanderfinden durften. Von ihrem eigenen Leben als Korrespondentin in London und jetzt in Berlin, von ihrer Familie, die sie nur selten sieht. Und natürlich vom ewigen Kampf der Wohnungssuche in Berlin. Rasha erzählt, während es draußen dunkel wird, was die Schriftzeichen an den Wänden bedeuten: „Ich liebe dich“, oder genauer gesagt: „Ich möchte, dass du mich begräbst, wenn ich sterbe“, denn so, erklärt sie mir, drückt man Liebe auf Arabisch aus.

8. Tag, Ungarn: Bei den Ossi-Verstehern

Reisezeit ab Palästina: 25 Minuten (Taxi)
Ungarn in Berlin: 7909
Die meisten wohnen in: Mitte

Ungarn, das hatte ich vorher erfahren, trifft man am besten beim Bier. In diesem Fall bei einem Craft-Beer im Hackendahl, Friedrichstraße. Der Pub hat sein Sortiment den Mitte-Hipstern der Umgebung angepasst. Urig ist er trotzdem, alte Lampen und antike Bücher stehen auf den Regalen. Ich treffe Bálint, einen jungen Ungarn. Im Gegensatz zu mir ist er pünktlich. Bálint ist seit drei Jahren in Berlin. Wie viele Ungarn hat er in der Stadt als Kellner angefangen. Jetzt ist er Sozialarbeiter. Er hat ein Notizbuch und eine Unterschriftenliste dabei, und so finde ich mich unvermittelt im ungarischen Wahlkampf wieder. Im März stehen dort Wahlen an, deswegen wollen Bálint und seine Kollegen von der politischen Aktivistengruppe „Ungarische Botschaften“ die Berliner Ungarn aktivieren. Die Unterschriftenlisten sind für eine Volksabstimmung, es geht um die Begrenzung von Beamtengehältern. Bálint erzählt, dass es den jungen Ungarn gut geht in Berlin. Egal ist ihm seine Heimat trotzdem nicht. In Berlin will Bálint das nachholen, was die deutsche Regierung seiner Meinung nach versäumt: Druck auf das Regime des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán ausüben.

Außerdem erfahre ich, dass vor allem junge, gut ausgebildete Ungarn nach Berlin kämen – des weltoffenen Flairs der Stadt wegen. Wer nur Geld ranschaffen wolle, gehe lieber nach München.

Die Ungarn wollen von Berlin aus Druck auf Regierungschef Viktor Orbán ausüben. Foto: Nantke Garrelts
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Etwas später kommt noch Zsófia dazu. Ihr Deutsch ist fast perfekt. Nur die Alten und die, die jetzt alle kommen – offenbar hauptsächlich Grafikdesigner, die lieber Englisch reden –, lernen die Sprache nicht, erzählt sie. Die Alten, das sind die Einwanderer aus den Siebzigern, die sich in Ost und West teilen. In den Osten kamen regimetreue Gastarbeiter, in den Westen hauptsächlich politische Flüchtlinge. Deswegen gibt es auch zwei ungarische Kulturvereine, die sich bis heute nicht vertragen. Sie laden getrennt zu Salonveranstaltungen und Weihnachtsfeiern ein.

In Berlin arbeitet Bálint als Sozialarbeiter mit Einwanderern aus Südosteuropa, viele davon Roma. Für ihn ist es mittlerweile Alltag, Menschen unterschiedlichster Herkunft zu sehen und gemeinsam mit ihnen in einem Kiez zu leben. Ganz anders als in Ungarn, das sich beharrlich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen. Als sein Vater Bálint hier in Berlin besuchte, war er schockiert. Er sah eine Frau mit Kopftuch, Kinderschar und Smartphone – und dann war sie auch noch nett!

Die älteren Berliner Ungarn, glaubt Bálint, fühlen sich mit den „Ossis“ verbunden, denn die kennen den Alltag im Sozialismus und erzählen vom Urlaub am Balaton.

Spät in der Nacht geht meine Reise zu Ende. Ich muss zurück in meinen Kiez. Die U6 fährt mich direkt bis zur Seestraße. Von dort ist es nur ein kleines Stück. Ich laufe auf der Amsterdamer Straße vorbei an türkischen Bäckereien, hole mir eine Limo mit Extrakten aus südamerikanischer Mate bei meinem arabischen Späti-Mann im Afrikanischen Viertel. Gut, wieder zu Hause zu sein.

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