Christiane F. Foto: dpa
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35 Jahre danach Eine Begegnung mit Christiane F.

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Sie schrieb "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und wurde als Junkie weltberühmt. Vom Heroin und von "den alten Geschichten" ist Christiane F. danach nie losgekommen. Aber mit 51 Jahren will sie keine Drogen-Ikone mehr sein. Eine Begegnung.

Der Abend ist noch früh und sie ein bisschen spät dran. Kurzer Blick durch den Raum, ah, da hinten seid ihr! Christiane fegt durch die Tür und deutet einen Gruß an, alles nicht so einfach mit dem Hund an der rechten Hand und einer riesigen Plastiktüte in der linken. Hat mal wieder länger gedauert bei der Methadonabgabe am Hermannplatz. Und dann sei sie auch noch an diesem Billigshop vorbeigekommen, „Wahnsinn, alles für einen Euro, guckt mal, was ich gekauft habe!“

Der erste Eindruck dieser ersten Begegnung mit Christiane F.: Wow! Was für eine Powerfrau! Angeblich macht der Konsum von Heroin und der Ersatzdroge Methadon müde und antriebslos. Christiane F. hält sich nicht an diese Regel, sie hat sich noch nie an Regeln gehalten und ihr Körper erst recht nicht. Sonst wäre sie schon lange tot und würde nicht hyperaktiv durch diese Kneipe im Kreuzberger Graefekiez wirbeln.

"Die Welt ist voller schlechter Menschen"

Aus der riesigen Plastiktüte tauchen nacheinander auf: ein Kerzenlicht, ein Zuckerstreuer und drei Dominos, „kann man immer gebrauchen“, auch wenn es später ein bisschen komplizierter wird mit dem Gepäck in der S-Bahn. Überhaupt die S-Bahn, „da hab’ ich vorhin was erlebt!“ Christiane will sich immer noch nicht setzen und erst recht nicht aufhören zu reden. Also, die Geschichte aus der S-Bahn: „Komm ich doch vorhin aus dem Zug und da steht auf dem Bahnsteig so ein kleines Mädchen, vielleicht neun Jahre alt, und die hat ihre Monatskarte einfach so um den Hals, ich meine: Die kann ihr doch einer vom Hals reißen, na, da hab’ ich ihr gesagt: Kleene, pass bloß auf, die Welt ist voll von schlechten Menschen.“

"Dieses Christiane-F.-Ding" lässt sie nicht los

Christiane F. kennt sich aus. Sie hat ihre Jugend mit schlechten Menschen auf Bahnhöfen verbracht, es ging dabei weniger um geklaute Monatskarten. Christiane F. war das Mädchen vom Bahnhof Zoo. Die 14-Jährige, die sich an Männer verkaufte, Dealern hinterherhetzte und sich das Heroin in die Venen jagte. Ihr Buch, verfasst mit zwei Journalisten vom „Stern“, stürzte die Elterngeneration in ungeahnte Angst vor dem, was sich da im Schattenreich ihrer Kinder abspielte. Niemand, der in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern groß wurde, kam an diesem Buch vorbei und an den Predigten der Eltern. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde drei Millionen Mal verkauft, der gleichnamige Kinofilm zog fünf Millionen Zuschauer an. Seit dieser Zeit ist Christiane F. ihr eigenes Label, sie nennt es „dieses Christiane-F.-Ding“.

35 Jahre später. Aus Christiane F. ist Christiane Felscherinow geworden. Die hat ein neues Buch geschrieben, zusammen mit der Journalistin Sonja Vukovic, aber wieder heißt es: „Christiane F. – mein zweites Leben“. Am kommenden Freitag wird es auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Nervös? „Nee!“, sagt Christiane. „Ich weiß, was auf mich zukommt. Das war damals ein bisschen anders.“

Ihr Foto auf der "Stern"-Titelseite hing an jedem Kiosk

Damals war 1978 und Christiane 16. Sie stieg aus der U-Bahn und das Erste, was sie sah, war ihr Foto auf der Titelseite des „Stern“. Am ersten Kiosk und am nächsten und am übernächsten, „das war schon ein Schock, keiner hat mich vorgewarnt, gab ja noch keine Handys und keine Anrufbeantworter und so“. Also ist sie erst mal nach Hause und hat die Decke über den Kopf gezogen und gewartet, bis es vorbei ist.
Es ist bis heute nicht vorbei.

Christiane ist jetzt 51 und wird noch immer auf der Straße angesprochen, öfter um ein gemeinsames Foto gebeten und manchmal um ein Autogramm. Meist von der Generation der über 40-Jährigen, aber letztens, auf dem Alexanderplatz, kam ganz unverhofft ein junges Mädchen auf sie zu, war so um die 18 und hat gefragt: „Du bist doch Christiane F., oder?“

In der Kreuzberger Kneipe guckt keiner hin. Christiane kommt öfter hierher, man kennt sie und ihren Hund, einen Chow-Chow, dessen Hinterlassenschaften sie mit einer Selbstverständlichkeit beseitigt, wie das in Berlin ganz und gar nicht selbstverständlich ist. An ihrem Rucksack baumelt ein Maulkorb.

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