Blick auf den Flughafen Berlin Brandenburg BER in Schönefeld. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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2001 Tage Nichteröffnung Fünf Gründe, warum uns der BER nicht peinlich sein muss

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Sicher, die ständigen Hiobsbotschaften vom geplanten Hauptstadtflughafen nerven. Ein Blick ins Ausland zeigt aber: Auch dort läuft einiges schief.

Vor 2001 Tagen sollte der Hauptstadtflughafen BER eröffnet werden. Dank einer Mixtur aus Planungsfehlern und menschlichem Versagen konnte das verhindert werden. Ein Grund für übertriebene Scham sind diese Verzögerungen im Betriebsablauf allerdings nicht, wie ein Blick ins Ausland zeigt.

1. Der Turmbau von Pjöngjang

Das Ryugyŏng-Hotel in Pjöngjang. Foto: Wikipedia/Roman Harak/CC BY-SA 2.0
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Es sollte ein riesiger Turm werden – mehr noch! – ein gigantischer Phallus, der von der Stärke und Kraft seines Erbauers Kim Jong-il zeugt. Stattdessen wurde es dann aber ein Symbol nordkoreanischer Impotenz: 1987 begannen in Pjöngjang die Bauarbeiten an einem 330 Meter hohen Wolkenkratzer, der nach Fertigstellung einmal das höchste Hotel der Welt werden sollte. Lediglich zwei Jahre hatte Diktator Kim für den Bau vorgesehen – ein Ziel, das sich angesichts von Material- und Konstruktionsproblemen jedoch nicht halten ließ.

1992 wurden die Bauarbeiten vorerst abgebrochen: Die Stadt „schmückt“ seither eine gigantische Bauruine, die nur unwesentlich ansehnlicher dadurch wurde, dass man ihr 2009 ein paar Fenster gönnte. 2012 dann schöpfte das Regime neue Hoffnung, als die Kempinski-Hotelkette mit der Überlegung spielte, ein Hotel im Turm zu eröffnen. Irgendjemand scheint der Schweizer Luxushotelgruppe dann aber geflüstert zu haben, dass die Bourgeoisie ihre freien Tage lieber an der Côte d'Azur verbringt als in einer realsozialistischen Diktatur, die von einem verrückten Barbaren geführt wird

2. Das Beton-Scheusal von Tel Aviv

Der Busbahnhof in Tel Aviv. Foto: Wikipedia/JRodSilva/CC-BY-SA 4.0
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Zeit für ein wenig Israel-Kritik: Wer das scheußlichste Gebäude des Nahen Ostens sucht, wird in Tel Aviv fündig. Der zentrale Busbahnhof der Stadt breitet sich auf insgesamt 230.000 Quadratmetern aus und jeder Millimeter davon wirkt, als sei er einer Dystopie entsprungen. Massive Betonwände bilden gemeinsam mit Stahlträgern ein düsteres, siebenstöckiges Labyrinth, das nicht von ungefähr bei Bedarf auch zum Atombunker umfunktioniert werden kann.

Die Konstruktion gestaltete sich kompliziert: Der erste Spatenstich fand zwar schon 1967 statt, dann aber passierte sehr lange nichts mehr, denn den Projektentwicklern war das Geld ausgegangen. Als die Finanzprobleme schließlich gelöst waren, passierte immer noch nicht viel mehr. Denn die neuen Gesellschafter hatten eine Reihe von Rechtsstreits mit Anwohnern an der Backe, die den Wert ihrer Immobilien durch das architektonische Scheusal bedroht sahen. Letztlich vergingen 26 Jahre, bis der betongewordene Alptraum Im August 1993 eröffnet wurde – nicht wenige wünschten sich damals, man hätte das Gebäude umgehend wieder dem Erdboden gleichgemacht.

3. Sydney hat den Blues

Die Oper von Sydney. Foto: imago/imagebroker
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Als Jørn Utzon 2003 mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, sparten die Laudatoren nicht mit Lob. Der dänische Architekt habe mit der Oper von Sydney ein Gebäude entworfen, das zweifelsohne zu den ikonischen Bauwerken des 20. Jahrhundert zähle.

Was in der Feierstunde gleichwohl etwas unterging, war der Fakt, dass dem Abend, an dem im australischen Opernhaus die erste Symphonie gespielt wurde, ein Jahrzehnt der Kakophonie vorausging. Denn nach Baubeginn 1959 stellte sich heraus, dass die gekrümmten Schalen des Daches auf dem Bauplan zwar hübsch anzusehen waren, sich aber weit und breit kein Mensch fand, der sie hätte berechnen können. Selbst Kollege Computer tat sich schwer: Lochkarten-Maschinen brauchten letztlich 18 Monate, um die Statik aller Dächer auszubaldowern. Die Baukosten legten derweil um bemerkenswerte 1357 Prozent auf (inflationsbereinigt) 927 Millionen Australische Dollar zu, während sich der Fertigstellungstermin vom Januar 1965 bis in den Herbst des Jahres 1973 verzögerte.

4. Übermut tut auch Dschidda nicht gut

Der Jeddah-Tower. Foto: imago/Bo van Wyk
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Bescheidenheit ist eine Zier, doch höher kommt man ohne ihr: Das dürfte sich die saudische Königsfamilie gedacht haben, als sie 2011 den Auftrag zum Bau des Jeddah Towers In Dschidda vergab. Genau 1007 Meter soll der Turm einmal in den Himmel ragen und den 828 Meter hohen Burj Khalifa in Dubai damit als höchstes Gebäude der Welt ablösen.

Im vergangenen Mai nun aber musste Prinz Alwaleed bin Talal, der zugleich auch als Geschäftsführer der königlichen saudischen Baugesellschaft tätig ist, vor die Weltpresse treten und schamvoll eingestehen, dass Pünktlichkeit selbst für superreiche Golfstaaten bisweilen unerschwinglich ist. Die Eröffnung des Wolkenkratzers werde sich verzögern, sagte er damals – ohne gleichwohl weitere Gründe anzugeben, wo genau es an der Baustelle im Wüstensand überhaupt hakt.

Bauverzögerungen am Arabischen Golf sind dabei nicht das gleiche Phänomen, das man von bundesdeutschen Baustellen kennt. Statt um eine halbe Dekade verlegte der arabische Prinz die Eröffnung lediglich um ein paar Monate auf Ende 2019 – an der Flughafenbaustelle in Schönefeld hätte man das wohl noch unter „überpünktlich“ verbucht.

5. In Barcelona hat Gott keine Eile

Die Sagrada Família. Foto: Wikipedia/Bernard Gagnon/CC BY-SA 3.0
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Ganze 135 Jahre sind vergangen, seit der Grundstein der Sagrada Família gelegt wurde. Die Basilika im katalanischen Barcelona zählt damit zu den Musterbeispielen in schludriger Bauplanung – finanzielle Engpässe, ein Bürgerkrieg sowie unzählige Probleme mit der Statik und den Materialien führten dazu, dass die Eröffnung des katholischen Gotteshauses immer wieder verschoben werden musste. Immerhin: Teile des Gebäudes wurden von der Unesco bereits in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Ein reife Leistung für ein Bauwerk, dessen finale Fertigstellung derzeit fraglicher ist als die Ankunft von Samuel Becketts Godot.

Aktuell haben die Bauherren das Jahr 2026 anvisiert – der hundertste Todestag von Architekt Antoni Gaudí. Den hatten die Verzögerungen übrigens zeitlebens kalt gelassen: „Mein Kunde hat keine Eile”, stellte er einmal fest. Doch selbst wenn sich der jüngste Fertigstellungstermin nicht halten ließe, wären die Bauarbeiten damit im Vergleich zu anderen europäischen Gotteshäusern geradezu rasant vorangeschritten. Nehmen wir etwa den Kölner Dom: Die Rheinländer brauchten über 600 Jahre, um ihre Hütte im schlüsselfertigen Zustand an die katholische Kirche zu übergeben.

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