Der Student mit dem roten Hemd. Benno Ohnesorg, tödlich getroffen. akg-imagesp

2. Juni 1967 Der Tag, an dem Benno Ohnesorg starb

Pepe Egger
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Studenten protestierten in Berlin gegen den Schah-Besuch, dann eskaliert die Lage. Am Ende liegt einer blutend am Boden, mit einer Polizeikugel im Kopf. Vier Zeitzeugen rekonstruieren den Todesschuss.

Der Anruf aus dem Krankenhaus erreicht den SDS, Kurfürstendamm 140, abends zwischen 22 und 23 Uhr: „Ich wollte Ihnen mitteilen“, sagt der Anrufer, ohne sich vorzustellen, „dass gerade ein deutscher Student verstorben ist.“

Es ist der 2. Juni 1967, am Apparat im Zentrum des Sozialistischen Demokratischen Studentenbundes ist Tilman Fichter, damals 29, heute 79. Ein „Spätberufener“: Zuerst Schiffsjunge und Weltenbummler, dann Abitur und Studium, schließlich Berliner Landesvorsitzender des SDS, gerade als dieser die Speerspitze der außerparlamentarischen Opposition ist.

Der Anrufer habe geklungen wie ein gut deutsch sprechender Iraner, höflich, förmlich, „aber nicht um Beifall heischend“. Ein Arzt, des Farsi mächtig, zum Dienst eingeteilt, vermutet Fichter, weil man in Berlin ein Attentat auf Mohammad Reza Pahlavi, den Schah, befürchtet.

Je mehr man reinzoomt in diesen Tag, wie in eine alte Fotografie, je feinkörniger man hineintaucht ins Schwarz-Weiß, das damals Farbe war, desto weniger ergibt Sinn, was davon übrig bleibt.

Ein Student, der reglos am Boden liegt: Geboren in Hannover am 15. Oktober 1940, gestorben, erschossen, am 2. Juni 1967 in Berlin. Ein Student, schlaksig, im roten Hemd und schmalen Ledersandalen. Ein Student, der bis dahin jemand war, etwas war: werdender Vater, frisch verheiratet, ausgebildeter Schaufensterdekorateur, Pazifist, mehr Protestant denn Protestierer, Student der Germanistik, Verfasser von Gedichten unter Pseudonym, angehender Lehrer. Und der jetzt nur mehr der ist, der am 2. Juni erschossen wurde.

Nur: Ist Geschichte nicht vielleicht immer so? Eine Verkettung unglücklicher, verhängnisvoller, irrer Zufälle?

Die Geschichte beginnt in Teheran

Die Geschichte, oder das Verhängnis, das wir „Geschichte“ nennen, nimmt ihren Ausgang Jahre zuvor in Teheran. 1964, vielleicht schon 1963, die Quellen widersprechen sich, kommt Hans Magnus Enzensberger, Lyriker, Essayist, Anfang 30, aber schon Büchner-Preisträger, auf Lesereise ins Teheraner Goethe-Institut. Von den älteren Mitarbeitern kennt ihn niemand, also soll ein junger iranischer Germanist und Gegner des Schah-Regimes ihn vorstellen: Bahman Nirumand, der in Deutschland studiert hat und am Goethe-Institut arbeitet.

Nirumand, heute 80, damals 30 Jahre alt, erst vom Schah aus seinem Land vertrieben und dann vom Ayatollah-Regime noch einmal, erinnert sich. Spricht langsam, und sieht doch seinem früheren Ich sehr ähnlich, dem Ich auf den 50 Jahre alten Fotos, schwarz-weiß, mit Brille und Jackett. Enzensberger, erzählt Nirumand, habe nach der Lesung in Teheran gesagt: „Es gibt noch einen Empfang für mich. Können Sie etwas tun, dass ich da wegkomme?“

Bahman Nirumand, 80, schrieb das Persien-Buch, das die Studenten auf die Straße trieb. Foto: Mike Wolffp

Die beiden entweichen, diskutieren bis zum Morgengrauen, reisen gemeinsam nach Isfahan, freunden sich an. Enzensberger schlägt vor, Nirumand solle ein Buch schreiben über die Zustände im Iran, den Bündnispartner des Westens: über die Unterdrückung, den Polizeistaat, die Verfolgung der Studenten. „Ich sollte Unterlagen besorgen, Daten, Material, er würde sich nach einem Verlag umsehen. Ein paar Monate später lud er mich nach Norwegen ein, da sagte er: Fang an zu schreiben, den Verlag habe ich schon organisiert.“

Und Nirumand schreibt. Sein Buch wird heißen: „Persien, Modell eines Entwicklungslandes, oder: Die Diktatur der Freien Welt“. Es erscheint im Januar 1967 bei Rowohlt, mit einem Nachwort von Enzensberger. Und es verkauft sich, auch deshalb, weil bald nach Erscheinen ein Staatsbesuch des Schahs angekündigt wird: Ende Mai soll er West-Deutschland und dann auch West-Berlin besuchen.

Ein Buch treibt die Studenten auf die Straße

„Die iranische Regierung hat versucht, das Buch zu verhindern“, sagt Nirumand. „Und als der Schah-Besuch feststand, haben sie den Druck erhöht, gesagt, es sei ein unfreundlicher Akt. Die deutsche Regierung hat auf die Freiheit der Presse verwiesen, man könne das Buch nicht verbieten.“

Als der AStA an der Freien Universität für den Vorabend des Schahbesuchs eine Veranstaltung ansetzte, mit Nirumand als Redner, habe die Botschaft sogar mit der Absage des Schah-Besuchs gedroht. Der Berliner Senat bat darum, die Sache zu verschieben, der Rektor der FU sah dazu keinen Grund. „Das ging auch in der Presse wochenlang hin und her“, sagt Nirumand, „eine wunderbare Reklame für mein Buch.“

Auch der Student im roten Hemd, den schmalen Ledersandalen, der schlaksige, frisch verheiratete angehende Lehrer besaß das Buch und las es, sagt Nirumand, das habe er vor Kurzem erfahren. Schrieb seitenweise Notizen hinein, unterstrich Passagen, war am Abend des 1. Juni selbst im Audimax der FU, als Nirumand sprach. 2000 füllen den Raum, sitzen auf den Rängen, auf dem Boden, rauchen, klatschen. Nirumand sagt, er habe eine sachliche Rede vorbereitet: „Aber als ich da reinging, kam ich fast nicht zum Rednerpult, weil so viele Leute da waren. Ich wurde empfangen, als ob ich Che Guevara wäre! Und nach zehn Minuten merkte ich, mein Vortrag ist zu sachlich für das aufgeputschte Publikum, also habe ich frei gesprochen.“

Am Ende skandiert man „Mo-Mo-Mossadegh!“, nach dem Premierminister, der Irans Erdölindustrie verstaatlicht hatte und 1953 in einem von den USA und Großbritannien gestützten Militärputsch gestürzt wurde. Dann ruft man dazu auf, am nächsten Tag, dem 2. Juni, gegen den Besuch des Schahs zu demonstrieren: vormittags vor dem Schöneberger Rathaus, abends vor der neuen Deutschen Oper, wo der Schah die Zauberflöte sehen soll.

Traumpaar der Springer-Presse. Farah Diba und Schah Reza Pahlavi bei ihrem Staatsbesuch in Berlin. Foto: ullstein bildp

Der 2. Juni 1967, das ist sechs Jahre nach dem Mauerbau, 22 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ein Frühsommertag, 22,4 Grad, relative Luftfeuchtigkeit 55 Prozent. Damals in Farbe, was heute schwarz-weiß und fremd ist. Befreundet sein heißt, bis zum Morgengrauen zu diskutieren. Und wenn ein Paar nach 22 Uhr unverheiratet erwischt wird, riskiert die Vermieterin eine Anzeige wegen Kuppelei.

Der 2. Juni, das ist die Stimme von Sandie Shaw, acht Wochen lang die Nummer eins in den deutschen Charts, „Like A Puppet On A String“. Eher Kinderlied denn Popsong, aber die Stimme so schmetternd und stirnfransig keck, so absichtslos und voll Verheißung und Swinging Sixties: „I wonder if one day that, you’ll say that, you care / If you say you love me madly, I’ll gladly, be there/ Like a puppet on a stri-i-i-ing.“

Der 2. Juni, das ist, im Verlaufsbericht der Berliner Schutzpolizei:

– 11.13 Uhr Ankunft des Kaiserpaares auf dem Flughafen Tempelhof, ca. 700 Schaulustige.

– 11.21 Uhr Abfahrt der Kolonne zum Hotel Berlin-Hilton. Entlang der Fahrstrecke ca. 12 000 Schaulustige. Vor dem Rathaus Kreuzberg einzelne Pfiffe.

– 11.45 Uhr Vor dem Rathaus Schöneberg 1500–2000 Schaulustige. Spruchbänder mit folgendem Inhalt: „Schluss mit der Folterung politischer Gefangener“, „Welcome Mr. Diktator“, „M ö r d e r“, „Iranische Studenten grüßen den Schah“, „Wir grüßen unser Kaiserpaar in Berlin“.

Siegward Lönnendonker ist 77, damals 27, Soziologe, Alt-68er, obwohl: Alt-67er müsste es heißen. Mit Günter-Grass-Schnurrbart, wachen Augen, für einen Scherz zu haben, eigentlich schon darauf wartend, danach suchend, Selbstbeschreibung „aktiver Rentner“, zitiert Fritz Teufel, dann Helge Schneider. Etwas an ihm deutet darauf hin, dass er ein Genussmensch sein muss, empfänglich für das Schöne, den Jazz, die Frauen, die progressive Politik, als diese noch die Zukunft war. Lönnendonker ist das lebende Gedächtnis der Studentenbewegung und des SDS, er ist der APO-Archivar, heute ehrenamtlicher Mitarbeiter im Archiv der Freien Universität.

Siegward Lönnendonker, 77, früher SDS-Aktivist, war "null interessiert am Schah", ging aber zur Demonstration vor der Oper. Foto: Mike Wolffp

„Der SDS“, sagt Lönnendonker, „war eigentlich null interessiert am Schah. Der Schah, das war ’ne Sache für die Klatschpresse, für die ,Kristall’, wo über Soraya berichtet wurde, die keine Kinder kriegen konnte, und über die neue Frau, Farah Diba.“ Vor dem 2. Juni hatte der SDS in Berlin nur ein paar hundert Mitglieder, dafür umso größere Ziele: „Wir wollten die Universitätsreform, klar, aber wir wollten auch Frieden in Vietnam, wir wollten ein Ende der Apartheidspolitik in Südafrika, ein Ende der Notstandsgesetze und eine Beschränkung der Macht des Springerkonzerns.“

Für den SDS sei 1967 Vietnam das große Thema gewesen, sagt Lönnendonker, man sammelte für den Vietcong, plante für den 3. Juni eine große Anti-Kriegs-Demonstration, der Schah-Besuch störte da nur, lenkte ab, wo man Kräfte bündeln wollte.

„Der Nirumand“, erzählt Lönnendonker, ja, jener Nirumand, der Enzensberger in Teheran kennenlernte und nun Vorsitzender der iranischen Studenten war, „ist verzweifelt rumgelaufen, und hat versucht, beim SDS Unterstützung für Proteste gegen den Schah zu kriegen. Das hat niemanden interessiert, bis dann am Ende die Kommune 1 gesagt hat: O.k, wir machen mit.“ Mitmachen, das bedeutete dadaistische Happenings, ein „Steckbrief“-Plakat gegen den Schah („gesucht“ wegen Mordes, verfasst von Peter Schneider), und „Schahtüten“ aus Papier, mit einer Karikatur drauf und zwei Löchern drin zum Durchgucken.

„Dass wir doch zum Schöneberger Rathaus gekommen sind, in einiger Zahl, ist darauf zurückzuführen, dass drei Straßen weiter das Institut für Politische Wissenschaft war, in der Babelsberger Straße. Da haben wir gesagt: Der Schah ist ja hier ganz um die Ecke, gehen wir da mal hin.“

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