Don Rosa. Foto: Mike Wolff
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Auge Blindheit ist nicht schwarz

Leonard Hillmann
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Star-Comiczeichner Don Rosa verlor durch eine Netzhautablösung beinahe sein Augenlicht. Mit Tagesspiegel GESUND sprach er über seine Erlebnisse als Notfallpatient.

Berlin ist eine Stadt für helle Köpfe und offene Sinne«, sagt Philharmonie-Chefdirigent Sir Simon Rattle. Recht hat er, denn die Hauptstadt zieht ständig bedeutende Persönlichkeiten aus der internationalen Kunst- und Kulturszene an - so auch Don Rosa, der vielen als der beliebteste lebende Zeichner von Disney-Comics gilt. Man sieht dem 63-Jährigen und seinen Illustrationen nicht an, dass er bereits eine Netzhautablösung überstanden hat - eine Augenkrankheit, die unbehandelt zur Erblindung führt. Bei seinem Berlinbesuch im Oktober 2014 haben wir den US-Amerikaner befragt, wie er damit zurechtkam und wie sich Betroffene verhalten sollten.

Herr Rosa, Sie haben vor sechs Jahren eine Netzhautablösung überstanden. Das war damals ein echter medizinischer Notfall, oder?
Die Dringlichkeit der Behandlung wurde mir erst relativ spät mitgeteilt. Ehrlich gesagt wusste ich, bevor ich selbst betroffen war, nicht sonderlich viel über diese Augenerkrankung. Ich trage seit meinem fünften Lebensjahr eine Brille, da ich stark kurzsichtig bin. Dass diese hohe Kurzsichtigkeit mit der Zeit ein enormes Problem werden und eine Netzhautablösung begünstigen kann, habe ich erst als Patient in der Klinik erfahren. Denn niemand hatte mich von früh auf gewarnt und entsprechend hatte ich mir nie große Gedanken um solch eine schlimme Augenkrankheit gemacht.

Wann merkten Sie erstmals, dass mit den Augen etwas nicht mehr stimmte?
Alles begann damit, dass ich zu Beginn einer Woche im März 2008 auf meinem linken Auge einen gräulichen Fleck bemerkte. Dieser Schimmer war oval wie ein Daumenabdruck geformt, verlief am rechten unteren Gesichtsfeld und verschwand auch nicht bei verschiedenen Augenbewegungen. Schmerzen hatte ich dabei nicht. Zwei Jahre zuvor bemerkte ich zwar zum ersten Mal einen getrübten Seheindruck. Das schien aber nicht mit der Netzhaut zusammenzuhängen und ein Augenarzt sagte mir damals nur, dass die Augen überanstrengt seien. Dieser gräuliche Fleck zwei Jahre später war jedoch anders, denn eine Stelle im Blickfeld blieb einfach leer, so als ob ein Teil aus dem Bild herausgeschnitten wurde.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Leider nicht konsequent genug und leider auch zu spät. Ich wohne in Kentucky in einer ländlichen Umgebung und brauche mit dem Auto einige Zeit bis in die Stadt. Samstags ist üblicherweise der einzige Tag in der Woche, an dem ich für Besorgungen und Einkäufe dorthin fahre. Also plante ich mir für den kommenden Samstag eine Augenkontrolle ein. Dummerweise wurde der Durchmesser des gräulichen Fleckes im Verlauf der Woche immer größer. So groß, dass wohl auch die Stelle des schärfsten Sehens betroffen war. Denn als ich am Samstagnachmittag bei einem Optiker auf dem Stuhl saß, konnte ich mittlerweile kaum mehr etwas auf dem linken Auge erkennen. Der Mann wurde ziemlich nervös, als er meine Augen testete. Er muss zu dem Zeitpunkt bereits gewusst haben, dass es sich um eine Netzhautablösung handelte. Trotzdem war er sich nicht sicher, was dagegen noch unternommen werden sollte. Wie gesagt, es war ja schon Wochenende. Also machte er mit mir einfach einen Augenarzttermin für den folgenden Montag, also noch einmal zwei Tage später, aus.

Dann hielten Sie es also ungefähr eine ganze Woche lang mit Ihren bedrohlichen Seheinschränkungen aus. Was unternahm der Augenarzt, als Sie endlich bei ihm ankamen?
Der Montag beim Augenarzt wird mir immer als schlimmster Tag meines Lebens in Erinnerung bleiben: Mittlerweile war ich praktisch blind auf dem linken Auge. Ich dachte immer, dass komplette Blindheit tiefschwarz sein müsste. Aber Blindheit ist nicht schwarz, sondern grau - so hab ich es erlebt. Der Augenarzt weitete meine Pupille mit Augentropfen und schaute mit seinen Lampen und Lupen auf meinen Augenhintergrund. Er fragte mich, ob ich Blitze oder wie ein schwarzer Regen anmutende Flocken umherschwirren sah - denn beides würde auf eine Netzhautablösung hinweisen. Aber beides traf auf mich nicht zu. Der Augenarzt wunderte sich sehr, dass der Optiker nicht bereits am Samstag einen Notdienst alarmiert hatte - er hätte wissen müssen, dass das zu jeder Zeit möglich ist. Nun war es fast zu spät und der Arzt sagte, dass ich sofort notoperiert werden müsste. Klar, ich wusste selbst, dass mit meinen Augen etwas ganz und gar nicht mehr in Ordnung war, aber das war trotzdem ein großer Schreck! Zumal der Arzt meine Frau anwies, die Lehne des Autositzes zurückzuklappen, damit ich auf der Fahrt in die Klinik möglichst flach liegen kann. Dabei solle sie jede Unebenheit auf der Straße dringlichst vermeiden, damit sich die Netzhaut durch eine Erschütterung des Wagens nicht komplett ablöse.

Das klingt wirklich angsterregend. Aber glücklicherweise bietet die moderne Medizin Möglichkeiten, auch eine abgelöste Netzhaut wieder an der Augenhinterwand anzubringen. Wie wurden Sie schließlich in der Klinik behandelt?
Den Ablauf der Operation selbst habe ich nicht mitbekommen, der Eingriff erfolgte in Vollnarkose. Das war mir aber auch ganz recht, denn die Aufklärung davor war schon alles andere als angenehm: Ich erfuhr, dass Laserchirurgie und ein Eingriff zur Entfernung der Augenflüssigkeit notwendig sein würden. Außerdem wurde in den Augapfel ein spezielles Gas eingeleitet, das die abgefallene Netzhaut von innen wieder an den Augenhintergrund drücken sollte.

Die Operation verlief erfolgreich bei Ihnen. Wie erlebten Sie die Zeit der Genesung?
Vor allem als langwierig und körperlich sowie mental beanspruchend! Denn damit die Gasblase im Auge die abgelöste Netzhaut wieder an die richtige Stelle hochdrücken konnte, musste ich meinen Kopf den ganzen Tag mit Blick nach unten positionieren. Mit anderen Worten: Ich musste darauf achten, dass ich den Kopf 24 Stunden am Tag gesenkt halte. Am Tag kniete ich in einem Stuhl mit dem Kopf in einem Polster. Schlafen konnte ich nur im Sitzen, wobei ich den Kopf auf Kissen in meinem Schoß abstützte. Das war mit der Zeit sehr zermürbend, denn ich musste in dieser Haltung zwei Monate verbringen - aber wenigstens half es der Netzhaut, wieder anzuwachsen. Auf der linken Seite sah es so aus, also ob das gesamte Auge mit Wasser gefüllt wäre, mit einer Gasblase mittendrin. Das Verrückte dabei war, dass die Blase immer an der Unter- anstatt an der Oberseite schwamm - jedenfalls sah es für mich so aus. Ich konnte die Blase Woche für Woche kleiner werden sehen.

Konnten Sie dann endlich wieder verhältnismäßig normal sehen?
Nein, immer noch nicht. Auch als die Gasblase komplett verschwunden war, war die Sicht auf dem linken Auge immer noch sehr verschwommen durch den grauen Star, der durch die erfolgte Operation verursacht wurde. Nach sechs Monaten erhielt ich deswegen eine neue Linse für das linke Auge. Erst danach konnte ich links wieder klar sehen und erst dann bemerkte ich, dass das Sehen verzerrt und geneigt war. Das lag daran, dass die Netzhaut mit einer kleinen Winkelabweichung anwuchs und einige kleine Vernarbungen übrig blieben. Im weiteren Verlauf musste meine Brille entsprechend angeglichen werden und es folgten noch ein paar Laseroperationen, um weitere kleine Netzhautrisse zu schließen. Dabei wurde auch prophylaktisch im rechten Auge gelasert.

Sie sind für Ihre ausgesprochen detailreichen Zeichnungen bekannt, die Sie mit so viel Material wie möglich füllen. Wie stark wird Ihre Tätigkeit als Zeichner durch die Augenproblematik eingeschränkt?
Ich zeichne heute aus mehreren Gründen keine langen Comicgeschichten mehr und besonders feine, das Bild nahezu überfüllende Details sind einfach nicht mehr möglich. Ich konnte in den letzten Jahren aber immer noch recht groß gestaltete Titelbilder zeichnen. Und nach wie vor bin ich auf Signiertouren in verschiedenen Ländern unterwegs, auf denen ich für die Fans noch immer gern Zeichnungen nach ihren Wünschen anfertige. Mir geht es jetzt wieder verhältnismäßig gut. Ich kann sehen und immer noch zeichnen und bin unendlich dankbar dafür.

Haben Sie einen abschließenden Rat für Betroffene oder Leute, die einem erhöhten Risiko für eine Netzhautablösung ausgesetzt sind?
Absolut! Man sollte auf jeden Fall sofort einen Augenarzt aufsuchen. Also bloß nicht zum Optiker oder jemand anderem, der schlichtweg nicht über die Erfahrung oder entsprechenden Instrumente zur Diagnostik verfügt! Auch wenn typische Symptome wie die Blitze vor den Augen fehlen, kann man eine Netzhautablösung nicht sicher ausschließen. Ich hätte sofort zum Augenarzt gehen müssen. Ich habe zu lange gewartet, das war falsch. Erst im Nachhinein kann ich bestätigen, dass eine Netzhautablösung ein echter Notfall ist - und je schneller man notoperiert wird, desto besser sind die Chancen für einen Erhalt der Sehkraft.

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