Verkleidet mit Styropor: Wenn die Gebäudedämmung jedoch giftige Flammschutzmittel enthält, muss sie neuerdings als Sondermüll behandelt werden. Foto: Kara - Fotolia
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Flammschutzmittel Styropor-Stau

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An vielen Gebäuden klebt giftige Dämmung. Deren Entsorgung ist schwierig. Nun sollen die Auflagen abgeschwächt werden – das will zumindest die Branche.

Mit einem Federstrich wurden im September 2015 Millionen Kubikmeter Styropordämmung zu Sondermüll. Damals entschied der Bundesrat, dass Styropordämmung mit dem Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) gefährlicher Abfall ist. Damit soll der Stoff, ein langlebiges organisches Umweltgift (persistant organic pollutant - POP), möglichst sicher entsorgt werden.

Seit 2013 steht HBCD auf der POP-Liste des internationalen Stockholm-Übereinkommens. Es wurde geschlossen, um Mensch und Umwelt vor Giften wie HBCD zu schützen. Die Chemikalie kann die Entwicklung von Embryonen beeinträchtigen, Säuglinge über die Muttermilch schädigen und reichert sich im Fettgewebe von Lebewesen an. Mit der Einstufung ist ein Ausstieg aus der Produktion und Verwendung des Stoffs verbunden.

Seit Oktober 2016 nun müssen müssen Handwerksbetriebe und Entsorger den Beschluss des Bundesrates umsetzen. Demnach darf altes Styropor, das beim Abbau von Dämmungen anfällt, nur noch getrennt gesammelt und verbrannt werden. Das bringt logistische Probleme beim Lagern und treibt die Preise in den Müllverbrennungsanlagen nach oben. Statt eines dreistelligen Betrags für eine Tonne Styropor werde nun eine vierstellige Summe fällig, informiert der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE).

Müllverbrennungsanlagen brauchen Sondergenehmigung

Seit dem Bundesratsbeschluss hatten die Betroffenen ein Jahr Zeit gehabt, sich auf die Neuregelung einzustellen. Trotzdem kam es in den vergangenen Wochen zu einem Rückstau von HBCD-haltigen Platten, denn Müllverbrennungsanlagen für Hausmüll brauchen nun eine Sondergenehmigung, um den Abfall zu verbrennen.

Der BDE stellt sich auf den Standpunkt, von der Entwicklung überrascht worden zu sein. „Die Rechtslage hat sich am 1.10.2016 geändert“, sagt BDE-Präsident Peter Kurth. Erst in den Wochen danach sei den Beteiligten klar geworden, was der Beschluss des Bundesrates bedeutete. Dabei hatte der BDE bereits in einer Pressemitteilung vom 3. Oktober gewarnt: „Wenn ab dem 1. Oktober Abfall, der HBCD enthält, als gefährlicher Abfall gilt, kommt auf uns im Bauabfallbereich ein Entsorgungsnotstand von bislang nie erlebtem Ausmaß zu.“

"Verweigerungshaltung der Abfallwirtschaft"

„Ich bin ein bisschen überrascht, dass alle so überrascht sind“, sagt dazu Peter Meiwald, Abfallexperte der Grünen im Bundestag. Warnungen, mit Styrol zu bauen, gebe es schon lange. Doch die Bundesregierung nehme sie immer noch nicht ernst und es gebe keine Strategie für nachhaltige Ersatzstoffe.

Ob der Umgang der Entsorger mit dem Thema nun „Naivität oder Kalkül“ war, will der Abfallexperte Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland nicht entscheiden. Deutlicher wird ein Insider aus einer Aufsichtsbehörde: „Wir haben schon vor mehreren Jahren und immer wieder darauf hingewiesen, dass HBCD zum POP-Stoff werden würde und die Konsequenzen dargestellt“, sagt er. Die Betreiber von Verbrennungsanlagen aber hätten sich um das Thema nicht gekümmert, weil ihre Anlagen ausgelastet seien.

„Zurzeit stellt sich die Lage in Teilen der Bundesrepublik so dar, dass die Abfallwirtschaft durch ihre Verweigerungshaltung den Eindruck erweckt, sie wolle den Staat erpressen, um den gefährlichen Stoff HBCD weiterhin als ungefährlichen Abfall entsorgen zu können. Die Umweltminister sind aus unserer Sicht gut beraten, sich nicht erpressen zu lassen“, sagt der Experte.

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