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Robert Fludd: „Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris metaphysica“ (1617) Bild: Robert Fludd
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Berliner Festspiele Wolken des Nichtwissens

Dr. Andreas Wolfsteiner
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Das Bild der Wolke ist aktueller denn je. Daten werden nicht länger auf virtuellen „Schreibtischen“ abgelegt und in „Ordnern“ gespeichert, sondern in der „Cloud“. Ein flüchtiges und amorphes Etwas gilt als Umschlagplatz digital vermittelter sozialer Interaktionen.

Manch einer vermutet hinter der Verschiebung von der Desktop- hin zur Cloud-Metapher das unterschwellige Einwirken des Klimawandels auf das gültige Kommunikationsparadigma. Umso mehr rentiert sich ein Blick zurück – eine Mikroarchäologie wolkiger Vorstellungsregime.

In der christlich-jüdischen Tradition empfängt Moses die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai in einer Wolke (Exodus 16,10). Das Dunstgebilde am Gipfel steht einerseits für die Undurchdringlichkeit des Vorgangs, wie aus dem göttlichen Wort in Stein gemeißeltes Gesetz wird – ein nebulöser Transfer juridischer Informationen. Andererseits steht die visuelle Undurchdringlichkeit der Himmelserscheinung für die dritte Vorschrift des Dekalogs: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben“ (Exodus 20,4). Ausgehend von dieser Gesetzgebungsszene tritt die Wolke nun immer wieder in Schriften in Erscheinung, wo es um den Zugriff auf oder den Entzug von Wissens geht. Ferner hat dies als klare Absage an ein anthropomorphes Gottesbild zu gelten – eine ikonoklastische Geste.

Mit Bezug auf diesen biblischen Kontext entsteht um 1390 – vor dem Hintergrund von Kriegen, Seuchen und rapiden Klimaveränderungen – eine Schrift mit dem Titel „Die Wolke des Nichtwissens“ (in mittelenglischer Sprache: „The Clowde of Unknowyng“). Der anonyme Autor denkt gemäß der Tradition negativer Theologie. Alle positiven Auffassungen, was Gott sei, werden ausgeklammert und als Akt menschlicher Anmaßung verworfen. Allein negative Aussagen behalten ihre Gültigkeit. Dem „cloud author“ dient die Wolke als Zeichen des Nichtwissens, das sich – einer Naturerscheinung gleich – zwischen Gott und den Menschen schiebt. Dementsprechend ist das Ziel die vollständige Löschung von Wissen im kontemplierenden Subjekt. Dieser gänzlich sinnbefreite Zustand bietet den einzigen Weg zur wahren Gottesschau. Erkenntnis entsteht gerade nicht durch Analyse und Interpretation, sondern durch die Abwesenheit derselben. Letztlich ist die Auflösung dieser Wolke nur durch uneigennützige Liebe möglich: „[H]aue beständig mit dem spitzen Speer der sehnenden Liebe auf diese Wolke des Nichtwissens ein, die zwischen dir und deinem Gott hängt“ (Kap. 12).

Betrachtet man die sinnbildliche Funktion in diesen Beispielen, wird rasch klar, dass Wolken nicht etwas sind, das für Transparenz und Verständnis steht, im Gegenteil. Wie die physikalischen Himmelserscheinungen auch, ist dieses Etwas „weit entfernt“ und „nicht zu durchschauen“. Es handelt sich um Phantasmata des Unexakten sowie der Grenzverwischung. Und als diese korrespondieren sie stets mit politischen und kulturellen Situationen.

Für das Programm Immersion der Berliner Festspiele hat das Künstlerduo Lundahl & Seitl das sich transformierende Phantasma der „Cloud“ aufgegriffen. Die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Verschiebungen durch „big data“ und „cloud computing“ werden in dem Vorhaben „Unknown Cloud on Its Way to Berlin“ performativ gewendet. Die sonst so ungreifbare Datenwolke wird durch ein eigens entwickeltes App-Interface namens „Caretaker“ auditiv und haptisch erfahrbar gemacht. Erforscht wird damit nichts anderes als der digitale Überbau, der aktuell die Relationen der Körper untereinander – Objekte oder Sterne, Subjekte oder Bites – neu mischt. In diesem „multi-sensorischen immersiven Kunstwerk“ werden die Teilnehmer dazu eingeladen, das, was Wolken heute bedeuten, in einer kollektiven Choreografie zu erkennen. Dies ist im besten Sinne der sogenannten „Pareidolie“ nicht unähnlich – jenem Wahrnehmungsphänomen, das uns in meteorologischen Gebilden oftmals Gesichter, Wesen und Gegenstände erblicken lässt.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge zum Phänomen der „Unknown Cloud“. Ein interdisziplinäres Team unter Leitung des Künstlerduos Lundahl & Seitl hat die App „Unknown Cloud Caretaker“ entwickelt, um die Signale dieser Cloud zu interpretieren. Bitte laden Sie die App „Unknown Cloud Caretaker“ immer am Tag des Events ab 12 Uhr neu aus dem Google Play oder App Store herunter, um die „Unknown Cloud“ wieder am 18.07. / 21.07./ 25.07. und  28.07.2017 in Berlin auf dem Tempelhofer Feld erfahren zu können. Bitte beachten Sie, dass die App „Unknown Cloud Caretaker“ im Entwicklungsstadium ist. Die Teilnahme und ein reibungsloser Downloadprozess können nicht garantiert werden. Fragen Sie „Caretaker” auf www.unknowncloud.com, um weitere Informationen zu erhalten. Um die App „Unknown Cloud Caretaker“ optimieren zu können, freuen sich Lundahl & Seitl und Nagoon über ihr Feedback zur Erfahrung der Unknown Cloud und der Funktionalität der App. Bitte per Email an: info@unknowncloud.com

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