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Berliner Festspiele Kunst und Bezauberung

Devin Zuber Suzanne Schwarz Zuber
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Unser Zeitalter der planetaren Instabilität und des Wechsels – wie wird man es wohl rückblickend nennen? Das alte Vertrauen in Rationalität, Sekularität und die Hegemonie westlicher Wissenschaften ist grundlegend getrübt worden, einerseits durch die “Rückkehr der Religionen“ seit dem 11. September 2001, andererseits durch den weltweiten Anstieg anti-demokratischer Formen des Populismus. Unterdessen erwärmt sich unser Planet stetig, und Tier-und Pflanzenarten sterben so rapide, dass Wissenschaftler inzwischen vor einer von Menschen ausgelösten “sechsten Welle des Artensterbens” warnen.

Geologisch gesehen sind wir am Rande des sogenannten Anthropozäns: der Begriff wird von Geologen diskutiert als Benennung einer neuen, durch den Einflussfaktor Mensch gekennzeichneten Epoche. Aus den Fachgebieten der Geschichtsschreibung und der Kulturwissenschaften kommen alternative Vorschläge, wie zum Beispiel “Kapitalozän” (Jason Moore), oder Donna Haraway’s Begriff “Chthuluzän,” der auf eine dringend notwendige Begegnung aller auf der Erde einheimischen Spezies hinweist. Und jetzt? Es liegt auf der Hand, dass die neoliberale Politik und die Entzauberungen der materiellen Wissenschaft im heutigen versagt haben, solch eine ‘Begegnung’ hervorzubringen. Vielleicht steht es stattdessen in der Macht der Kunst als Erfahrung der Ästhetik, bessere Vorzeichen für unsere Zukunft zu setzen: denn die Katastrophe des Klimawandels ist ja im Grunde ein Symptom einer gescheiterten Vorstellungskraft, die Unfähigkeit, uns kollektiv eine Realität vor Augen zu führen, in der wir in komplexen Seinsschichten verwoben sind.

Die Mystiker des Mittelalters schlossen ihre Augen um Zugang zu einer transzendentalen Vision zu gewinnen. Vielleicht ist die Zeit gekommen, in der wir durch das Schließen unserer Augen weitere Sinne auftun, um die Geologische Tiefenzeit wahrzunehmen. Hören, fühlen, sich bewegen: nach der „Pädagogik der Sinne” verlangte schon der Philosoph Gilles Deleuze, verwurzelt in ekstatischen Seinszuständen bzw. Erfahrungen, die das sinnlich Wahrnehmbare überschreiten; ähnlich zeigt sich heutzutage viel Bedarf an yogischen Achtsamkeits-, Meditations-, und Bewegungstechniken, deren zunehmende Beliebtheit sich parallel zum wachsenden öffentlichen Bewusstsein über die Umweltkrise bewegt.

Die Mystiker beschrieben eine große “Wolke des Nichtwissens” im Zentrum ihrer visionären Erfahrungen: in neueren Zeiten haben Künstler ebensolche Wolken verwendet, um unsere Ambivalenz (und Verwunderung) über die Moderne und deren beschleunigten Temporalitäten zu registrieren.

Nehmen wir zum Beispiel die eindrucksvollen, atmosphärischen Wolken und Nebel, die von J.M.W. Turner und später von den Impressionisten auf die Leinwand gebracht wurden: erst die Folgen industrieller Verschmutzung machten sie möglich. Solche Werke können uns heutzutage als „erhabene“ Hinweise auf den explosiven Wachstum des Kohlenstoff-basierten Kapitalismus dienen (siehe Turners Gemälde Rain, Steam, and Speed: the Great Western Railway, 1844).

Spätere Entwicklungen in der Photographie ermöglichten es diversen modernen Künstlern, von August Strindberg bis Alfred Stieglitz, ihre Kameras auf den Wolkenhimmel zu richten und "Celestographien" (Strindberg) bzw. "equivalents" (Stieglitz) zu kreieren, in welchen die chemische Alchemie der Dunkelkammer im Dienste einer zum einen radikal abstrakten, zum Anderen zutiefst spirituellen Ästhetik verwendet wurde. Zusätzlich fungieren die Wolken-Bilder von Stieglitz und Strindberg auch als unbeabsichtigte Wetteraufzeichnungen, die von Schichten anthropogenen Kohlenstoffs markiert wurden.

Die Wolke ist in unserer Epoche der Entmaterialisierungen zur Metapher geworden für die Ausbreitung der Datenspeicherung und die entkörperte Dispersion digitaler Identitäten. Müssen diese Technologien der unendlichen Reproduzierbarkeit unbedingt in Walter Benjamins ikonischem Schrecken über den Verlust der „Aura,“ der Authentizität des Ästhetischen münden? Egal wie wir unsere defiziente Epoche nennen wollen, in der wir versagt haben, die Tiefenzeit des Klimawandels zu begreifen: wir brauchen mehr kreative Anwendungen digitaler Technologien, die eine kollektive Aesthetische (Wieder-)Bezauberung ermöglichen, und damit fühlbare Verbindungen zum Grund auf dem wir zusammen, egal auf welchem individuellen Erdfleck, stehen. Erst dann werden wir das Wunder unserer gemeinsamen Verflechtung erleben, bis ans Ende unserer doch so kleinen Welt.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge zum Phänomen der „Unknown Cloud“. Ein interdisziplinäres Team unter Leitung des Künstlerduos Lundahl & Seitl hat die App „Unknown Cloud Caretaker“ entwickelt, um die Signale dieser Cloud zu interpretieren. Bitte laden Sie die App „Unknown Cloud Caretaker“ immer am Tag des Events ab 12 Uhr neu aus dem Google Play oder App Store herunter, um die „Unknown Cloud“ wieder am 18.07. / 21.07./ 25.07. und  28.07.2017 in Berlin auf dem Tempelhofer Feld erfahren zu können. Bitte beachten Sie, dass die App „Unknown Cloud Caretaker“ im Entwicklungsstadium ist. Die Teilnahme und ein reibungsloser Downloadprozess können nicht garantiert werden. Fragen Sie „Caretaker” auf www.unknowncloud.com, um weitere Informationen zu erhalten. Um die App „Unknown Cloud Caretaker“ optimieren zu können, freuen sich Lundahl & Seitl und Nagoon über ihr Feedback zur Erfahrung der Unknown Cloud und der Funktionalität der App. Bitte per Email an: info@unknowncloud.com

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