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Berliner Festspiele Jenseits der Bühne: Wenn Strukturen in Strukturen eingehen

Elin Sporrong
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„Freiheit“ ist ein schillernder Begriff. Seine Bedeutungen und Assoziationen wurzeln in politischen, philosophischen, kulturellen Diskursen, die sich zwischen Realität und Sehnsucht permanent weiter entwickeln.

Obwohl das Konzept der Freiheit ein abstraktes ist, scheinen wir alle eine sehr klare Vorstellung davon zu haben, was Freiheit für jeden von uns bedeutet, wie sie sich anfühlt und wie uns die Suche nach ihr antreibt. Freiheit ist das Gegenteil von Einschränkung, von Festgehaltenwerden und Gefangensein. Aber in welchen Lebens- und Geisteszuständen erfahren wir wirklich Freiheit? Wann fühlen wir uns von der Vergangenheit entbunden und wirklich im Stande, in die ungewisse Zukunft zu blicken? Wäre dies das Wesen der Freiheit?

„Freiheit ist eine Praxis“, schrieb Foucault. Sie ist das Resultat von Kampf und Ausdauer. Aber auch innerhalb der Grenzen des Denkens oder des Denkprozesses können wir uns gefangen fühlen. Wir sind von alten Denkweisen wie von tiefen Gräben umgeben. Welche Umbrüche können uns aus diesen Beschränkungen lösen? Wie trainieren wir die „negative Fähigkeit“ Shakespeares, also die Fähigkeit, zu akzeptieren, dass nicht alles linear und stringent erklärbar ist?

Die Sehnsucht nach Freiheit hat uns zu Erforschern von Raum und Zeit gemacht und zugleich dazu geführt, dass wir diese mystifizieren. Die Gefühle des Loslassens und Ausbrechens können so verführerisch sein, dass wir dafür bereit sind, die Realität zu verbiegen. Kunstwerke haben unsere Realitätsflucht durch Katharsis und Gesellschaftskritik gleichermaßen ausgehalten und befeuert. Die mutigen und selbstkritischen Betrachter, die in der verträumt-aufwachenden Wolke eines Theaterpublikums zusammenkommen, werden von der Kunst mit Ideen, Widersprüchen und Gefahr versorgt.

Aber auch jenseits der Bühne, jenseits des Rahmens von Kunst, liegen nebelhafte Möglichkeiten der Freiheitserfahrung. Extravaganz, Surrealismus, das Sich-Losreißen von Erwartungen, die Versuche der Annäherung an das Unvorhersehbare – all dies ist nicht nur Exzentrikern vorbehalten: „Die große Loslösung kommt für solchermaßen Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoß: die junge Seele wird mit einem Male erschüttert, losgerissen, herausgerissen, - sie selbst versteht nicht, was sich begibt. Ein Antrieb und Andrang waltet und wird über sie Herr wie ein Befehl; eine Wille und Wunsch erwacht, fortzugehn, irgendwohin, um jeden Preis“, schreibt Nietzsche.

Wir streben danach, uns aus der Matrix herauszulösen und sehen dabei nicht, in welche anderen Systeme sich unsere Gedanken stattdessen einfügen. Wie oft wurde die Kraft des Gemeinsamen nicht schon zur Macht der Konformität? Wie oft wurde Authentizität nicht schon zum Zwang in dem Moment, in dem Strukturen in Strukturen eingehen? Wir fabrizieren Mythen und Systeme, wir erschaffen Fiktionen im Zusammenspiel, im Intellektuellenmilieu, in der Politik, online und ganz einfach in der Begegnung mit anderen. In unserem gemeinsamen Gesang entsteht die Ermächtigung des Wir:seins ebenso wie das Besonders:machen des elitären Denkens.

Unsere Sehnsucht nach der Freiheit hält uns scheinbar gefangen. Jedenfalls sind unsere suchtartigen Verhaltensweisen alles andere als Kennzeichen von Freiheit.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge zum Phänomen der „Unknown Cloud“. Ein interdisziplinäres Team unter Leitung des Künstlerduos Lundahl & Seitl hat die App „Unknown Cloud Caretaker“ entwickelt, um die Signale dieser Cloud zu interpretieren. Laden Sie die kostenlose App im Google Play oder App Store herunter, um die „Unknown Cloud“ wieder am 25.07. und 28.07.2017 in Berlin auf dem Tempelhofer Feld erfahren zu können. Informieren Sie sich über die Teilnahme auf der FAQ-Seite.

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