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Bild: Joakim Olssonp

Berliner Festspiele Auf der Suche nach dem Anderen

Helena Granström
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Die Begegnung mit einem anderen Lebewesen bringt notwendig einen Kontrollverlust mit sich. Ich kann es zwar ansehen, aber ich weiß nie, wie mein Blick erwidert wird. Ich kann es ansprechen, aber ich habe keine Möglichkeit, die Antwort zu beeinflussen, genauso wenig wie die Antwort meines Körpers auf alles, was sich ereignet. Meine Blutgefäße, meine Lunge und mein Herz sind an dieser Unterhaltung in gleichem Maße beteiligt wie die Teile meines Körpers, die tatsächlich sprechen. Aber das, was ich mein „Ich“ nenne, hat hier keinerlei Einfluss.

Ich blicke in das Gesicht des Anderen und muss feststellen: Du bist wie ich, aber du bist nicht ich. Du denkst, fühlst und nimmst wahr ebenso wie ich, jedoch etwas Anderes als ich es tue.

Diese Erkenntnis ist die Grundlage jeder echten Gegenseitigkeit: Die Erkenntnis der Ähnlichkeit bei gleichzeitiger radikaler Differenz des Anderen. Wir werden durch den Blick des Anderen gleichermaßen ermutigt und verunsichert, weil er zwar ein Blick ist, aber eben nicht der eigene. Und vielleicht verabschieden wir uns derzeit im Namen des technologischen Fortschritts von genau dieser Grundlage der Gegenseitigkeit – oder vielmehr verwerfen wir sie aktiv. Im digitalen Zeitalter verschwimmt die Grenze zwischen mir und dem Anderen: Wenn ich glaube, den Anderen durch eine Maschine kennenzulernen, lerne ich gleichzeitig die Maschine kennen, lerne ich mich selbst vor der Maschine kennen – vor dieser Maschine, die in gewissem Sinne auch von mir erschaffen wurde.

Und trotzdem sage ich, dass ich den Anderen kennenlerne, genauso, wie wir sagen, dass jemand, der sich mit einer künstlichen Intelligenz unterhält, nicht alleine ist; dass der Mensch, der sein Profil in den sozialen Medien aktualisiert, unter Freunden ist; dass jemand, den ein Roboter umarmt, tatsächlich umarmt wird.

Wir bauen unsere Städte so, als müssten wir uns selbst davon überzeugen, dass nur menschliche Zwecke existieren, dass der Mensch seine eigene Realität erschafft und bestimmt, dass wir uns mithilfe von Wissenschaft, Technik und Technologie von einer Welt unabhängig gemacht haben, als deren Teil wir uns einst betrachteten. Als würden wir, um ganz sicher zu gehen, die unkontrollierbare Natur abschaffen, die uns an das Gegenteil erinnert hätte.

Und wie um diesen Verlust zu verdecken, ändern wir die fundamentalen Kategorien, mit denen wir die Welt beschreiben. Eine Landwirtschaft mit Monotonie als platonisches Ideal, eine Waldwirtschaft, die den Begriff Wald all seiner Bedeutung beraubt. Nicht nur um dies ertragen zu können, sondern auch um das, was wir Wohlstand und Lebensqualität nennen, auf diesen Praktiken aufzubauen, müssen der Sinn des Waldes und die Bedeutung einer lebendigen Erde verändert werden. Wenn man eine Plantage „Wald“ nennt, muss man nicht wissen, wie die eigene Kultur den letzten Wald dem Erdboden gleichmacht. Wenn man die Natur „Umwelt“ nennt, kann man vergessen, dass sie jemals mehr war als ein Polster gegen die zerstörerischen Auswirkungen des menschlichen Fortschritts.

Gleichermaßen müssen wir lernen, zu verstehen, dass die digitale Präsenz zur eigentlichen Anwesenheit geworden ist. Müssen lernen die Abwesenheit, die die Technik verursacht, als Anwesenheit in einem anderen, realeren Kontext zu begreifen -  wir sind gezwungen, unsere Einsamkeit, die wir durch unsere ständige Erreichbarkeit verleugnen, als sinnlos zu verstehen und die physische Gemeinschaft, die uns fehlt, als eine primitive Form einer körperlosen Gemeinschaft der digitalen Sphäre erkennen.

Nur wenn wir uns weigern, dies zu tun, werden wir der offenkundigsten Tatsache des digitalen Lebens ernsthaft entgegentreten können: Man kann nur dann überall anwesend sein, wenn man niemals dort anwesend ist, wo man wirklich ist.

Im gleichen Maße, wie wir unser Gesicht unseren eigenen Schöpfungen zuwenden, wenden wir es vom Angesicht der wahrhaftig lebendigen Welt ab. Dass es ein Gesicht gibt, bedeutet, dass es ein

„Du“ gibt. Was wir sagen, ist: es gibt kein Gesicht. Allen nicht-menschlichen Tieren, wie natürlich auch allen Pflanzen fehlt es an Bewusstsein, hochentwickelter Intelligenz und der Fähigkeit,

komplexe Empfindungen zu verarbeiten. Wir sind in der Lage, fühlende Roboter, Smartphones und denkende Maschinen zu konstruieren, deren Subjekthaftigkeit wir umso lieber anerkennen,

als sie vollständig in unserer Kontrolle liegt. Das Gesicht des Anderen kann derzeit nur als Doppelbelichtung gesehen werden, immer teilweise durch unser eigenes Spiegelbild verdeckt: Wenn alles in meiner Lebenswelt von mir, für mich geschaffen ist zu dem Zweck, Erfahrungen zu simulieren, die ich genau deshalb niemals in der Realität erfahren werde – wo ist dann das „Du“, das mir ansatzweise zu begreifen erlaubt, was dieses „Ich“ ist?

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge zum Phänomen der „Unknown Cloud“. Ein interdisziplinäres Team unter Leitung des Künstlerduos Lundahl & Seitl hat die App „Unknown Cloud Caretaker“ entwickelt, um die Signale dieser Cloud zu interpretieren. Bitte laden Sie die App „Unknown Cloud Caretaker“ immer am Tag des Events ab 12 Uhr neu aus dem Google Play oder App Store herunter, um die „Unknown Cloud“ wieder am 18.07. / 21.07./ 25.07. und  28.07.2017 in Berlin auf dem Tempelhofer Feld erfahren zu können. Bitte beachten Sie, dass die App „Unknown Cloud Caretaker“ im Entwicklungsstadium ist. Die Teilnahme und ein reibungsloser Downloadprozess können nicht garantiert werden. Fragen Sie „Caretaker” auf www.unknowncloud.com, um weitere Informationen zu erhalten. Um die App „Unknown Cloud Caretaker“ optimieren zu können, freuen sich Lundahl & Seitl und Nagoon über ihr Feedback zur Erfahrung der Unknown Cloud und der Funktionalität der App. Bitte per Email an: info@unknowncloud.com

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