Padura Foto: Mike Wolffp

50 Jahre Revolution "Wir Kubaner haben ein besseres Leben verdient"

Interview Anna Kemper Norbert Thomma.
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Als Fidel Castro den Sieg der Revolution ausrief, war Leonardo Padura ein Kind. Heute ist er Schriftsteller. Bekannt wurde er durch den Krimizyklus "Das Havanna-Quartett". Ein Gespräch über 50 Jahre Sozialismus, Rasierklingen und zerbrochene Familien.

Herr Padura, das typische Foto aus Kuba sieht so aus: verfallene Häuser, rostige Oldtimer, ein alter Mann mit Zigarre.



Ich werde traurig, wenn ich so ein Foto sehe, denn Havanna ist nicht nur Ruinen und Armut. Es gibt eine fast perverse Lust, die dunkelste Seite des kubanischen Lebens zu finden. Aber es gibt eben nicht nur diese dunkle Seite.

Kennen Sie den Film „Buena Vista Social Club“?

Ein völlig unechter Film. Das ist ein reiner Blick von außen auf die kubanische Realität, voller Stereotype …

… aber ein großer Erfolg.


Wir Habaneros erkennen unsere Stadt in dem Film nicht wieder. Nichts als Klischees. Fahren Sie mal nach Miramar: Da stehen wunderschöne Häuser, die nicht verfallen. Es gibt alte Autos und neue – aber man sieht immer den ärmsten Teil der Stadt.

Finden Sie die Musik nicht schön?

Das war ein rein kommerzielles Produkt, das funktionierte und explodierte. Diese Musik spielt in Kuba niemand mehr, die Musik hat sich weiter entwickelt. Doch viele kubanische Bands, die auf Tour in Europa sind, bauen jetzt ein oder zwei dieser Lieder ein, damit das Publikum zufrieden ist.

Man hört bei uns oft den Satz: „Ich muss nach Kuba, bevor Fidel Castro stirbt.“

Das ist oberflächlich. Schließlich bleibt eines immer gleich, egal, ob Fidel lebt oder tot ist: die Menschen. Und die sind eine Reise nach Kuba wert.

Kuba ist für Touristen eine Art sozialistischer Themenpark, Rum und Salsakurs inklusive.


Es gibt unterschiedliche Touristentypen. Da ist der Kanadier, der ins Flugzeug steigt, in Baradero ins Hotel geht, sich sonnt und badet und nach 14 Tagen wieder ins Flugzeug steigt. Dann gibt es die Spanier und Italiener, die sich unter die Kubaner mischen, sich besaufen und zu den Prostituierten gehen. Und natürlich die ideologischen Touristen, die das tägliche Leben verstehen wollen.

Der Schriftsteller Eliseo Alberto sagt: „Die europäischen Intellektuellen sind Bastarde. Sie überfrachten Kuba, machen einen Mythos daraus.“

Nun, Eliseo und ich sind befreundet, er übertreibt ganz gern. Aber im Grunde hat er recht: Die Intellektuellen sehen in Kuba immer ein Symbol. Und sie wollen, dass die kubanische Realität in ihre Vorurteile reinpasst. Es gibt die Rechten, die sagen: „Kuba ist die schlimmste Diktatur, die existiert.“ Und die Linken: „Kuba ist das Paradies auf Erden.“ Es ist weder das eine noch das andere.

Wie würden Sie Kuba beschreiben?

Eher als Purgatorium: ein Ort dazwischen. Ich habe mir übrigens einen Test für diese Intellektuellen ausgedacht. Die Linken sollten mal sechs Monate wie ein Kubaner leben, ohne Auto, mit Lebensmittelkarten, den Omnibus nehmen, in einer Wohnung am Stadtrand leben, 400 Pesos verdienen, nicht ins Ausland reisen dürfen. Und danach würde ich gern wissen, wie viele ihrer Ansichten noch die gleichen sind.

Und die Rechten?

Denen würde ich zeigen, dass man auf Kuba, auch wenn man arm ist, immer noch in Würde lebt. Jeder kann lesen und schreiben, auf Kuba gibt es Armut, aber kein Elend. Das unterscheidet uns von Mexiko, Kolumbien oder Bolivien. Leider hat noch kein europäischer Intellektueller mein Programm mitgemacht.

Wenn Sie heute einen 16-Jährigen treffen, worin unterscheiden sich die Generationen?

Unsere Generation glaubte an die Gemeinschaft, wir waren davon überzeugt, dass Kuba sich verbessern würde, wenn wir alle daran arbeiteten. Die heutige Generation glaubt an nichts. Mit 15 musste ich Zuckerrohr schneiden, als Teil einer großen Kampagne. Zuckerrohr ernten ist eine fürchterliche Arbeit. Als meine linke Hand voller kleiner Verletzungen war, urinierte ich auf die Hand, weil die Bauern sagten, dass die Urinsäure die Wunden schneller heile.

Denken heute die Jugendlichen über ihre Eltern: Die waren ja verrückt?

Sie halten uns nicht für verrückt, sondern für dumm. Weil sie denken: Die haben sich geopfert – und am Ende doch nichts davon gehabt.

Glauben Sie das auch?

Nein. Durch unseren Idealismus hat es meine Generation weit gebracht, wir träumten alle vom Studieren, gingen auf die Universität. Meine Freunde sind Ingenieure, Ärzte, Architekten … Heute bedeutet jungen Kubanern ein Studium wenig.

Vielleicht liegt das daran, dass ein Arzt auf Kuba nur 30 Euro im Monat verdient.


Warum soll ich Arzt werden, wenn ich davon nicht leben kann? Das Gehalt reicht zehn Tage, die restlichen 20 muss man irgendwie überleben. Da gibt es verschiedene Strategien: den Schwarzmarkt, Geld von Verwandten in den USA, ein Zweitjob …

Die 33-jährige Bloggerin Yoani Sanchez schreibt, dass sie sich gar nicht mehr an die traditionelle kubanische Küche erinnern könne. Reis mit Tomatenmark, Reis mit Brühwürfeln – das sei heute die typisch kubanische Küche.


Das stimmt. Meine Frau Lucia will ein Buch schreiben über die vergessene kubanische Küche, sie interviewt dafür alte Leute. Der Mangel an Lebensmitteln hat unsere Küche ärmer gemacht. Nur in Miami hat sie überlebt.

Sie beschreiben im neuen Roman die Kubaner von heute als zynisch, aggressiv, kriminell …

Die Menschen auf Kuba sind nicht mehr so wie vor 20 Jahren. Seit der wirtschaftlichen Krise in den 90ern ist der Kampf ums Überleben stärker als Ethik und Moral. Ich spüre die Aggressivität.

Wie äußert sich das im Alltag?


An einer Kreuzung zum Beispiel, an der das Auto Vorfahrt hat. Die Fußgänger, die die Straße überqueren wollen, ignorieren die Autofahrer völlig, die werfen sich regelrecht vor das Auto, als wollten sie sagen: Wenn du mich tötest, dann ist das dein Problem! Die Aggressivität kommt daher, dass sie denken: Der hat ein Auto, der ist privilegiert.

Sie sind ein international erfolgreicher Schriftsteller, können reisen, haben Internet. Spüren Sie Neid?

Klar denken junge Leute: Warum hat der Hurensohn ein Auto? Aber Lucia und ich leben sehr bescheiden. Für uns ist unser Haus das wichtigste, wir arbeiten beide zu Hause. Wir kaufen uns nie Markenkleidung, essen viel Gemüse, trinken keinen Alkohol, nur die Zigaretten sind ein Problem …

Wir haben gelesen: Sie rauchen nicht mehr.


Fast. Jetzt brauche ich eine Pause, ich muss einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen, sonst kann ich nicht mehr denken. (Padura verlässt für eine Viertelstunde das Hotel und raucht draußen.)

Herr Padura, vor 50 Jahren verkündete Fidel Castro in Havanna den Sieg der Revolution. Da waren Sie drei Jahre alt. Erinnern Sie sich an die frühen Jahre?


Meine erste Erinnerung ist die Invasion in der Schweinebucht 1961. Ich war verwirrt und verstand nicht, dass viele Bewohner unseres Viertels in Havanna, die überhaupt nicht politisch militant waren, verhaftet und für ein paar Tage eingesperrt wurden. Unter ihnen mein Vater.

Wo wurde Ihr Vater hingebracht?

In eine alte Militäranlage aus der Kolonialzeit. Ihm und den anderen passierte nichts, die Milizen warteten einfach ab. Fidel hatte Angst, dass die Invasion innerhalb Kubas Unterstützer finden würde. Ich erinnere mich nicht, wie sie meinen Vater mitnahmen – aber daran, dass sie uns das Auto weg nahmen, den Plymouth. Die Milizen benutzten ihn einige Tage, bis mein Vater wieder freikam.

Haben Sie den Plymouth noch?

Ja, er steht in der Garage, manchmal fahre ich ihn. Er ist immer noch hellgrün, so wie mein Vater ihn 1958 kaufte, ein Jahr vor der Revolution.

Was haben Ihre Eltern von dieser Zeit erzählt?


Meine Eltern, Onkel und Tanten erzählten von einem Havanna, in dem alles erreichbar schien. Es gab ein Geschäft, „El encanto“, dort konnte man italienische Markenkleidung kaufen, die es auf dem ganzen amerikanischen Kontinent sonst nirgendwo gab. Reiche Kunden flogen aus New York nach Havanna, um dort einzukaufen. Havanna war voller Bewegung, Licht, Musik ... und zugleich war es auch die Hauptstadt der Batista-Diktatur. Ab Mitte der 50er Jahre war das ein blutiges Regime. Und deshalb herrschte auch Angst.

Während der Diktatur formierte sich der Widerstand. Auf welcher Seite standen Ihre Eltern?

Sie hatten eher Sympathien für die Bewegung von Castro – wie 95 Prozent der Kubaner damals. Mein Vater war Freimaurer, die Freimaurerei war eine bedeutende Bewegung in Lateinamerika, fast alle Unabhängigkeitsbewegungen entstanden aus Freimaurerlogen. Meine Mutter war katholisch. Katholizismus und Freimaurerei charakterisieren meine Eltern mehr als irgendeine politische Haltung.

Wovon lebte Ihre Familie?

Mein Vater besaß gemeinsam mit seinen Brüdern eine Bodega, einen kleinen Laden mit Lebensmitteln und Alltagskram. Meine Mutter war Hausfrau.

Was geschah mit der Bodega nach der Revolution?

Vater verkaufte sie 1959, ein paar Jahre bevor solche Geschäfte verstaatlicht wurden. Er wurde Busfahrer. Als es uns wirtschaftlich schlechter ging, machte meine Mutter einen halb illegalen Friseur laden bei uns zu Hause auf. Schon an die Haarpflegeprodukte ranzukommen, war nicht so leicht.

1961 verließen Teile Ihrer Familie die Insel.

Ja, das war eine Erschütterung. Mein Onkel und meine Tante gingen mit ihren beiden Kindern nach Miami. Unsere gesamte Familie lebte damals im gleichen Viertel, in La Mantilla, in dem auch Comisario Mario Conde aus meinen Büchern ermittelt. Ende der 60er ging der Onkel, mit dem mein Vater die Bodega gehabt hatte. Danach ein anderer Onkel, zwei weitere Tanten.

War es möglich, Kontakt zu halten?

Selbst wenn deine Mutter in Miami lebte, durftest du ihr nicht schreiben, sie war ja eine Feindin der Revolution. Aber alle zwei oder drei Monate kam ein Luftpostbrief, mit blauen und roten Streifen, von meiner Tante aus Miami. Da waren immer zwei Rasierklingen drin, Marke Gillette, und zwei Kaugummis für meinen kleinen Bruder und mich.

Wie fühlten Sie sich, als Sie selbst das erste Mal nach Miami reisten?


Bei meinem ersten Besuch, 1992, entdeckte ich in einem Café ein Getränk namens Materba. Ich fragte meine Tante: „Ist das Materba, das es auf Kuba gab?“ Ich hatte es zum letzten Mal 1962 getrunken, 30 Jahre war das her! Meine Tante nickte. Als der erste Tropfen meine Zunge berührt, habe ich den Geschmack von Materba zurückerobert. Dieser Geschmack schlief in mir, seit ich ein kleiner Knirps war. Es war wie ein Wunder für mich. An diesem eigentümlichen Ort Miami haben viele Dinge überlebt, die es auf Kuba nicht mehr gibt.

Sie hätten bleiben können.

Anfang der 90er haben meine Frau Lucia und ich darüber nachgedacht. Aber nach unseren Gesprächen war uns immer klar, dass wir in Kuba leben wollen. Weil wir unser Haus mögen, unserer Familie nah sind. Wir lieben unsere Hunde, unseren Innenhof, wir hören gern den Kubanern zu, treffen uns mit unseren Freunden.

Sind denn noch Freunde da?


Mittlerweile haben wir mehr Freunde außerhalb. Wenn wir nach Miami fahren, reicht die Zeit kaum, um alle zu treffen. In Madrid ist es genauso.

Auch Ihr Bruder lebt in den USA. Warum ging er?

Weil er schöne Kleidung liebt und ein Auto haben wollte. Sein einziges Interesse ist es, gut zu leben.

Das klingt wie ein Vorwurf.

Nein, es gab eine Zeit, in der wir uns alle wünschten, mein Bruder könnte endlich gehen. Denn er verbitterte, weil er nicht haben konnte, was er haben wollte. Zweimal hatte er versucht, mit dem Boot zu flüchten, dabei wäre er fast umgekommen. Am Ende heiratete er eine Frau, die bereits ein Visum für die USA hatte, und ließ sich dort scheiden.

Seit Raul Castro seinen Bruder Fidel vor gut einem Jahr abgelöst hat, ist einiges anders: Man kann etwa Mobiltelefone kaufen. Haben Sie eins?

Schon seit drei Jahren. Eine Freundin von uns ist mit einem Russen verheiratet, sie hat mir eins mitgebracht. Aber eine Minute telefonieren kostet fast einen Euro, deshalb benutzen wir das Handy wie einen Beeper: Jemand ruft an, du siehst die Nummer, gehst zu einer Telefonzelle, wirfst eine Münze rein und rufst zurück.

Für die einen ist der Rücktritt von Fidel der Beginn einer neuen Epoche, andere sagen, es wird alles so weitergehen wie bisher.

Ein bisschen von beidem. Zuletzt konnte man 1960 ein Telefon haben, ohne es vom Staat zugeteilt zu bekommen. Und bei den strukturellen und konzeptuellen Änderungen, die Raul Castro angekündigt hat, geht es sicher um profundere Dinge als Telefone. Einiges ist ja schon passiert: Das Land wird neu verteilt, um dafür zu sorgen, dass brachliegende Flächen kultiviert werden.

Es heißt, die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen sei nicht bebaut.


Ich glaube, es ist sogar mehr. Die staatlich gelenkte Landwirtschaft hat nie funktioniert, die Produktivität ist niedrig, die Qualität der Erzeugnisse ebenso. Eine sozialistische Ökonomie, wie Marx und Engels sie entworfen haben, hat es ja nie gegeben. Die existierende sozialistische Ökonomie war eine stalinistische Ökonomie. Und die UdSSR hat es noch nicht mal fertiggebracht, Rasiermesser herzustellen, die dir nicht das Gesicht zerschnitten haben.

Wie hat der Machtwechsel die Atmosphäre im Land verändert?

Die Menschen äußern sich freier, sind hoffnungsvoller, dass sich die Dinge grundlegend ändern werden. Allerdings haben die Hurrikane Gustav, Ike und Paloma im vergangenen Jahr das Land verwüstet und eine positive Entwicklung verlangsamt.

Hoffen Sie auch?

Ich hoffe nicht nur, ich glaube, dass eine Änderung notwendig ist. Wenn wir retten wollen, was wir auf Kuba erreicht haben – die Alphabetisierung, die Gesundheitsversorgung, unser kostenloses Bildungssystem – dann müssen wir die Wirtschaft effizient machen. Vor allem aber glaube ich, dass wir Kubaner nach einer solch langen Zeit der Entbehrungen und Opfer ein besseres Leben verdient haben. Deshalb zwinge ich mich dazu, optimistisch zu sein.

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